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21 September 2018IDM

DNA enthüllt historische Geheimnisse

Forscher von Eurac Research und des Max-Planck-Instituts analysierten Knochenreste aus dem 7. Jahrhundert nach Christus – und entschlüsselten dabei bisher Unbekanntes

Die DNA ist der Fußabdruck unserer Identität und kann noch Tausende Jahre nach dem Tod eines Menschen erzählen, wer er war. Das bestätigen jüngste Untersuchungen des Instituts für Mumienforschung des Südtiroler Forschungszentrums Eurac Research. Das Institut wurde 2007 als weltweit erste Forschungseinrichtung gegründet, in der die wissenschaftliche Arbeit an Mumien im Mittelpunkt steht. Seitdem gehen von dem Institut Impulse aus für die Forschung in den Bereichen Anthropologie, Paläopathologie, Genetik und Medizin. Ein Schwerpunkt der Wissenschaftler am Institut ist die Weiterentwicklung von Konservierungstechniken für Mumien. Besondere Bekanntheit erlangte das Institut unter anderem durch seine Studien über Ötzi, den „Mann aus dem Eis“, der vor mehr als 5.300 Jahren gelebt hat und dessen Gletschermumie 1991 von Wanderern in den Ötztaler Alpen entdeckt worden war.

Nun haben Wissenschaftler des Eurac-Instituts für Mumienforschung erneut wichtige Forschungsergebnisse geliefert: In Zusammenarbeit mit dem Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena (Deutschland)  wurde die DNA menschlicher Skelettüberreste aus einem alemannischen Gräberfeld analysiert, das 1962 bei Bauarbeiten im baden-württembergischen Niederstotzingen entdeckt wurde. 

Dreizehn Skelette aus der Alemannenzeit analysiert

In dem Gräberfeld, das als eines der bedeutendsten Deutschlands aus der Alemannenzeit gilt, haben Archäologen sieben Einzel- und zwei Dreifachgräber mit insgesamt 13 menschlichen Skeletten, den Überresten von drei Pferden sowie ausgezeichnet erhaltene Grabbeigaben unterschiedlicher Herkunft gefunden. Bereits bekannt war, dass die Personen wohl nicht alle zeitgleich bestattet worden waren, und dass es sich bei den Toten um ranghohe Krieger und ihr Gefolge handelte. Doch Erkenntnisse über beispielsweise Geschlecht, Herkunft und Verwandtschaft der Toten lagen bis dato nicht vor – konnten nun aber dank molekulargenetischer Untersuchungen von Eurac Research festgestellt werden. Die Studienergebnisse waren dermaßen interessant, dass es die Studie sogar auf das Titelblatt der wissenschaftlichen Fachzeitschrift „Science Advances“ geschafft hat.

So wurde etwa mittels Zahnproben festgestellt, dass fünf von 13 Bestatteten Verwandte ersten oder zweiten Grades waren, dementsprechend Teil einer Familie. Darüber hinaus zeigte sich, dass nicht alle 13 Individuen aus derselben Gegend stammten, sondern – im Gegenteil – sehr unterschiedliche genetische Herkunftsmuster aufweisen, die Wurzeln sowohl im Mittelmeerraum als auch in Nordeuropa andeuten. Dazu fanden sich in den Gräbern Beigaben fränkischer, langobardischer und byzantinischer Herkunft. 

„Diese Ergebnisse belegen bemerkenswerte, überregionale Kontakte. Die gemeinsame Bestattung bringt außerdem eine über den Tod hinausgehende Verbundenheit zwischen der Familie und ihrer Gefolgschaft zum Ausdruck“, erklärt Niall O´Sullivan, der am Forschungszentrum Eurac Research promoviert und einen Teil der Analysen am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena durchgeführt hat.

Bestimmung von Geschlecht und Verwandtschaftsgrad dankMolekulargenetik

Neben der Verwandtschaftsanalyse wurden die Überreste auch einer molekularen Geschlechtsbestimmung unterzogen. Dabei stand besonders eines der Skelette im Fokus: Wegen seiner Grazilität hatte es bis dato nicht sicher als männliche oder weibliche Überreste bestimmt werden können. „Anthropologen ermitteln das Geschlecht von Skelettfunden anhand spezifischer körperlicher Merkmale, fehlen jedoch bestimmte Knochenregionen kann dies die Geschlechtsbestimmung erschweren. DNA-Analysen eröffnen diesbezüglich neue Wege“, erläutert Frank Maixner, Mikrobiologe am Eurac-Institut für Mumienforschung. „In diesem konkreten Fall konnten wir das jugendliche Individuum molekular als männlich identifizieren und somit ausschließen, dass es sich dabei um eine frühmittelalterliche Kriegerin handelte.“

Die in den vergangenen Jahren erzielten erheblichen Fortschritte in der Molekulargenetik ermöglichen es nun also, Antworten auf Fragen zu geben, die zuvor unbeantwortet geblieben waren – damit können nicht nur bislang unbeantwortete Fragen neu aufgeworfen, sondern auch historische und archäologische Erkenntnisse ergänzt werden. „Die Gräberstudie in Niederstotzingen ist ein Paradebeispiel dafür, wie wir Archäologen und Anthropologen mit neuen Methoden unterstützen können, um offene Fragestellungen im regionalen Kontext zu vertiefen“, betonte Maixner abschließend.