Infrastruktur

25 Oktober 2018IDM

Meran wie Stockholm: Der fahrerlose E-Minibus kommt

Der Südtiroler Kurort ist eine von zwei „Test-Städten“ des italienisch-schweizerischen Projekts MENTOR, dessen Ziel die Schaffung einer effizienten und umweltfreundlichen Smart-Mobility ist

In Südtirol ist Innovation zu Hause – der öffentliche Nahverkehr bildet da keine Ausnahme: In Kürze wird es möglich sein, mit autonom fahrenden Elektro-Kleinbussen zwischen Meran und den Orten in der Umgebung zu verkehren, und dabei das Konzept „Mobility-as-a-Service“ (Mobilität als Dienstleistung) zu erproben. 

Doch was bedeutet das genau? Dass der öffentliche Nahverkehr der Zukunft ganz anders sein könnte als das, was wir bisher kennen, und dabei nachhaltiger und flexibler wird – eine Art „grünes Taxi“ auf Abruf. Der selbstfahrende Minibus in Meran ist Teil des umfassenden Projekts MENTOR, das Mobility-as-a-Service erstmals in kleinen Ortschaften im Alpenraum umsetzen wird, und für welches sich die Stadt Meran eine entsprechende EU-Finanzierung gesichert hat. Geplant sind zwei „Versuchslabore“ unter freiem Himmel: Neben Meran, der zweitgrößten Stadt Südtirols und einer beliebten Feriendestination, findet sich die zweite in Brig-Glis, einer kleinen Grenzgemeinde im Kanton Wallis, die eine strategisch wichtige Rolle im Schweizer Bahnnetz einnimmt.

Eine konkrete Alternative zum Privatauto

Ziel des Projektes ist es, die Probleme der lokalen Mobilität mit innovativen Maßnahmen zu lösen und den Bürgern die Möglichkeit zu bieten – aufbauend auf dem öffentlichen Personennahverkehr – multimodale Transportdienste in Anspruch zu nehmen. In diesem Sinne werden in beiden Orten integrierte Mobilitätsdienste angeboten werden, die eine konkrete Alternative zum Privatauto darstellen sollen – vom E-Bike Sharing (mindestens 100 Fahrräder werden an strategischen Punkten in Meran und Umgebung zum Verleih bereitstehen) bis zum Car Pooling. Aber auch die besagten autonom fahrenden Shuttlebusse, die Haltestellen bei Bedarf anfahren, sollen getestet werden. Die Benutzer sollen Informationen über diese Dienste in Echtzeit über eine App auf ihr Smartphone, an intermodalen Infostellen und an Bord der öffentlichen Verkehrsmittel erhalten. 

Auch für Touristen eine attraktive Lösung

„Formen alternativer Mobilität wurden bisher immer in Großstädten getestet, mit diesem Projekt sind jedoch alpine Gebiete die Hauptdarsteller – ländlich, dünn besiedelt und mit hoher Intensität in der touristischen Saison", sagt Roberto Cavaliere vom Ecosystem ICT & Automation von IDM Südtirol. Er erinnert zugleich daran, dass durch integrierte Mobilitätsdienstleistungen auch eine Alternative für Reisende geschaffen werde, insbesondere für die erste und letzte Meile des Weges. „Für die Zukunft wollen wir eine nachhaltigere und integriertere Mobilität, die Großstädte genauso wie kleine Ortschaften lebenswerter macht, in denen man häufig gezwungen ist, mit dem Auto zu fahren, weil die Busse nur wenige Haltestellen anfahren und in geringer Frequenz verkehren. Mit dem Projekt MENTOR dagegen kombinieren wir mehrere Teile desselben Puzzles, um eine effizientere und umweltfreundlichere Mobilität zu schaffen", betont Cavaliere.

Um dies zu erreichen, hat Südtirol beschlossen, sich von bewährten Beispielen in anderen Teilen der Welt inspirieren zu lassen – von Paris über Las Vegas bis Stockholm – und erneut seinen Weitblick und seine internationalen Visionen unter Beweis zu stellen. Vorbild für das für Meran entwickelte Konzept war vor allem Sion (im Deutschen auch Sitten), der Hauptort des Kantons Wallis, in dem seit Sommer 2016 das Pilotprojekt „SmartShuttle“ läuft: Zwei selbstfahrende, von PostAuto Schweiz betriebene SmartShuttle verkehren mit bis zu elf Passagieren, für die die Fahrt kostenlos ist, auf öffentlichen Straßen. 

Anlauf der Testphase Ende 2018

In Meran wird ein sehr ähnliches System eingeführt, das allerdings an die spezifischen Erfordernisse hierzulande angepasst wird. „Derzeit sind autonome Shuttles nicht in der Lage, auf kartografisch nicht erfassten Straßen zu fahren. Deshalb werden wir Radargeräte und hochpräzise GPS-Systeme – sogenannte GNSS Reference Stations – installieren. Mit Lidar (einer Methode zur optischen Abstands- und Geschwindigkeitsmessung mithilfe von Laserstrahlen, Anm. der Red.) werden wir zudem alles rund um das Shuttle scannen, damit das Fahrzeug jederzeit erkennt, was um es herum geschieht und entsprechend reagieren kann“, erklärt Markus Windegger, IT-Leiter beim öffentlichen Personennahverkehrsdienstleister SASA, der MENTOR-Projektpartner ist. Da es sich bei diesem Vorhaben um eine absolute Neuheit handelt (etwas Ähnliches wurde bisher nur in Oristano auf Sardinien erprobt), ist es notwendig, vor der Umsetzung eine Reihe von regulatorischen und bürokratischen Vorgaben zu erfüllen. Ziel ist es, die erforderlichen Genehmigungen so bald wie möglich zu erhalten, damit die Testphase spätestens Ende 2018 anlaufen kann. Das dreijährige Projekt endet nämlich im November 2021. In der Versuchsphase wird ein elf Personen fassendes Fahrzeug genutzt, dem weitere hinzugefügt werden könnten – falls die Ergebnisse der Erhebungen die Notwendigkeit dafür zeigen.

Das Projekt MENTOR wird in Zusammenarbeit mit IDM Südtirol, SASA, der Gemeinde Brig-Glis und Postauto durchgeführt. Es hat eine Laufzeit von drei Jahren (Dezember 2018 bis November 2021) und wird mit einem Gesamtbetrag in Höhe von 1.164.102 Euro (100 Prozent der Kosten) durch das Programm „Interreg Italien/Schweiz“ finanziert. Dazu kommen 320.000 Schweizer Franken für die in Brig vorgesehenen Maßnahmen, die 50 Prozent der Kosten ausmachen.