Talente

7 März 2018IDM

Südtirols Kampf um die besten Talente

Wer bewirbt sich auf dem Arbeitsmarkt? Na wer wohl, werden Sie sagen, all jene, die Arbeit suchen, natürlich! Stimmt, aber es stimmt nur zum Teil, denn heute müssen sich im Kampf um Talente auch Arbeitgeber bewerben. Welche Auswirkungen dies hat, wurde im Rahmen des Top Company Award 2018 im NOI Techpark in Bozen Süd klar.

Eigentlich ist der Top Company Award die Auszeichnung für den beliebtesten Arbeitgeber Südtirols, in diesem Jahr wurde er unter Federführung der Personalagentur Businesspool zum siebten Mal verliehen. Zugleich ist die Award-Verleihung aber auch immer Gelegenheit, um dem Südtiroler Arbeitsmarkt den Puls zu fühlen. Und der rast. Wohl selten in der Geschichte war der Bedarf an Arbeitskräften in Südtirol so groß wie derzeit, wohl selten der Kampf um die besten Köpfe so hart, wohl selten wurden so viele qualifizierte (und weniger qualifizierte) Mitarbeiter gesucht.

„Etwa 30 Prozent aller Stellen sind derzeit schwierig zu besetzen, für zwei Drittel davon sind einfach keine Kandidaten da.“

Alfred Aberer, Generalsekretär der Handelskammer

Die Gründe für diese Entwicklung sind vielfältig. Alfred Aberer, Generalsekretär der Handelskammer, nannte zuvorderst die Hochkonjunktur und das damit einhergehende Wachstum der Unternehmen. „Dazu kommt der demographische Wandel, der dafür sorgt, dass weniger neue Arbeitskräfte auf den Markt kommen“, so Aberer, der als dritten Grund auch die Spezialisierung nannte, die zunehme – auf allen Seiten: so würden auf dem Arbeitsmarkt immer speziellere Kompetenzsets nachgefragt und auch die Ausbildung werde immer spezifischer.

Mangel an Bewerbern in MINT-Berufen und niederqualifizierten Jobs

Kurios ist, dass es bei der Rekrutierung neuer Arbeitskräfte in zwei ganz unterschiedlichen Bereichen hakt. Auf der einen Seite sind dies – wie Barbara Jäger, Geschäftsführerin von Businesspool betonte – die schon fast klassisch unterbesetzten MINT-Fächer, also die technischen, naturwissenschaftlichen, informatischen und mathematischen Bereiche. In diesen fehlt es nach wie vor an Nachwuchs, das Bildungssystem ist nicht imstande, genügend Bewerber hervorzubringen, auch weil diese Bereiche noch immer als zu komplex und damit auf den ersten Blick wenig attraktiv gelten.

Neben den MINT-Berufen fehlt es auch in niederqualifizierten Bereichen an Bewerbern, die meist von außerhalb „importiert“ werden müssen. „Jährlich füllen etwa 9000 Ausländer und 10.000 Arbeitskräfte aus anderen Regionen Italiens diese Stellen“, erklärte Landesrätin Martha Stocker bei der Übergabe des Top Company Awards. Sie war es aber auch, die dazu aufrief, das Problem fehlender Arbeitskräfte in einem größeren Zusammenhang zu sehen: „Es ist schließlich noch nicht lange her, da haben wir noch von Arbeitslosigkeit als Problem geredet“, so Stocker mit Blick auf die noch nicht lange zurückliegende Wirtschaftskrise.

Der Kampf um die besten Talente

„Der Ansatz hat sich gewendet: Früher mussten sich Arbeits-suchende bewerben, heute ist es das Unter-nehmen, das sich auf dem Arbeitsmarkt um die besten Talente bewerben muss.“

Barbara Jäger, Businesspool-Geschäftsführerin

„Der Ansatz hat sich gewendet“, erklärte Businesspool-Chefin Jäger deshalb auch: „Früher mussten sich Arbeitssuchende bewerben, heute ist es das Unternehmen, das sich auf dem Arbeitsmarkt um die besten Talente bewerben muss.“ Wichtig sei deshalb, dass Unternehmen eine starke Arbeitgebermarke aufbauten, was bis dato häufig vernachlässigt werde.

Beim Top Company Award wurde darüber hinaus klar, dass die Unternehmenskultur verstärkt auf die Arbeitgeber abgestimmt werden müsse, deren Bedürfnisse verstärkt in den Mittelpunkt gerückt werden müssten, um auf dem Arbeitsmarkt erfolgreich sein zu können. Dies betrifft vor allem flexible Arbeitsangebote (und Arbeitszeiten), mit denen Rücksicht auf die jeweilige Lebensphase genommen werden kann, ein stärkeres Augenmerk auf eine optimale Work-Life-Balance der Mitarbeiter, gezielte, individuell auf die Notwendigkeiten der Mitarbeiter abgestimmte Aus- und Weiterbildungsangebote, interne Aufstiegsmöglichkeiten sowie zusätzliche Benefits und Sozialleistungen, von denen die Mitarbeiter profitieren können. Für die Unternehmen tut sich damit ein zweites großes Feld auf: galt es bisher vor allem, sich auf dem Zielmarkt der eigenen Produkte oder Dienstleistungen zu behaupten, muss nun mit dem Arbeitsmarkt ein zweiter Markt systematisch beackert werden. Wer dies nicht tut, bleibt im Kampf um die besten Talente auf der Strecke.

Von Leuchttürmen und Standortvorteilen

Die Expertenanalyse war beim Top Company Award 2018 also eine eindeutige: Weil es zu viele „hidden champions“ gebe, also Unternehmen, die ihr Licht allzu sehr unter den Scheffel stellen, fehle es Südtirol an Leuchtturm-Unternehmen, deren Licht nach außen strahle. „Dabei gibt es eine ganze Reihe von beeindruckenden Unternehmen im Land“, so Handelskammer-Generalsekretär Aberer, Unternehmen, die auch weit über die Landesgrenzen hinaus etabliert seien. Dazu komme die enorm hohe Lebensqualität in Südtirol, die als weiterer Standortvorteil im Kampf um die besten Talente genutzt werden könne, so Aberer.

Studenten aus ganz Europa haben ein klares Bild von Südtirols Standortvorteilen: Dreisprachigkeit, Miteinander der Kulturen, Top-Ausbildung und hohe Lebensqualität.

Diese Lebensqualität war es dann auch, die junge Talente beim Top-Company-Event im von IDM Südtirol geführten NOI Techpark in Bozen Süd besonders hervorstrichen, wenn es um Südtirol ging. Ihnen wurde in diesem Jahr erstmals eine Bühne geboten, 50 Unistudenten hatten sich im Rahmen der TCA-Challenge darum beworben, sich vor den versammelten Südtiroler Unternehmen vorstellen zu dürfen. Sieben Studentinnen und Studenten aus ganz Europa (und nicht nur) bekamen ihre Chance. In ihren Kurzvorstellungen war neben der Lebensqualität vor allem von den Vorteilen der Dreisprachigkeit, vom Miteinander der Kulturen und vom attraktiven Angebot der Freien Universität Bozen die Rede, neben der Ausbildung konnten sich die allermeisten auch eine Karriere in Südtirol vorstellen.

Wer sind Südtirols Top Companies?

Ob sie diese Karriere bei den beliebtesten Arbeitgebern Südtirols einschlagen werden, steht noch in den Sternen, einen Einblick in die begehrtesten Unternehmen bekamen sie beim Top Company Award 2018 aber in jedem Fall. Beim Wettbewerb sind es die Mitarbeiter selbst, die ihren Betrieb anonym bewerten. Gestellt werden knapp 100 standardisierte Aussagen und offene Fragen aus den Themenbereichen Strategie, Organisation, Management, Team, Image und Gesundheit. Zudem können Mängel kritisiert und Verbesserungsvorschläge gemacht werden. Aus diesen Mitarbeiterbewertungen gehen die beliebtesten Arbeitgeber unter rund 50 Bewerbern in drei Kategorien hervor. Die breite Palette der Preisträger spiegelt dabei auch die breite Palette in Südtirols Wirtschaft wider: sie reicht von Consulting-Agenturen über Handelsunternehmen und das produzierende Gewerbe bis hin zu Sozial- und Obstgenossenschaften.

Eine Genossenschaft mit sozialem Hintergrund etwa gilt als beliebtester Arbeitgeber in der Kategorie „Small Enterprises“, Unternehmen mit zehn bis 20 Mitarbeitern also. Die Genossenschaft. Werkstätten. Begleitung (GWB) ist seit 1981 in Bozen und Meran in der Inklusion von Menschen mit Beeinträchtigung tätig, führt drei Werkstätten und gibt derzeit rund 75 Menschen die Möglichkeit, sich auf dem Arbeitsmarkt zurechtzufinden. Zugleich gilt es, sich auf dem Markt zu etablieren, denn Vorzugsbehandlung für soziale Projekte gibt es dort keine: „Wir müssen wie alle anderen Lieferzeiten einhalten, uns um Aufträge kümmern und schauen, dass die Qualität stimmt“, so Werkserzieher Roland Caminata. Er betont auch: „Wer hier arbeitet, wird auf die Arbeitswelt vorbereitet, das heißt, dass wir hier auch nichts beschönigen und unsere Mitarbeiter auf eventuelle Fehler hinweisen.“ Die Mitarbeiter scheinen dies zu honorieren: nach einem zweiten Platz beim Top Company Award 2017 reichte es 2018 für die Spitze, gefolgt vom Jack Wolfskin Store auf dem Brenner auf Platz zwei und dessen Pendant in Meran auf Rang drei.

Bei den „Medium Enterprises“, Unternehmen mit 20 bis 50 Mitarbeitern, setzte sich in diesem Jahr Graber und Partner aus Bruneck durch. Die von Hermann Graber gegründete Wirtschaftsberater-Kanzlei hat 35 Mitarbeiter und betreut rund 500 Unternehmen. 60 Prozent davon sind Südtiroler Betriebe, 40 Prozent international agierende Unternehmen. Was bietet die Kanzlei ihren Mitarbeitern aber, was andere nicht bieten? Von der Kindertagesstätte über Sozialleistungen und andere Benefits bis zu gezielter individueller Weiterbildung eine ganze Menge. „Wir schauen nur, ob unsere Mitarbeiter kompetent, motiviert und teamfähig sind“, sagt dazu Hermann Graber, „dann bekommt jeder seine Freiheit, sich zu entfalten“. Hinter Graber und Partner landeten beim Top Company Award 2018 die Volta AG aus Bozen (Vertrieb von Mess- und Prüftechnik) sowie die Miko GmbH aus Frangart (Fachhandel für die Gastronomie) auf den Plätzen zwei und drei.

Der Naturnser Ableger des Liechtensteiner Zahnprothetik-Unternehmens Ivoclar Vivadent holte sich schließlich den Top Company Award 2018 in der Kategorie der „Large Enterprises“ mit über 50 Mitarbeitern, und zwar vor der Obstgenossenschaft Texel ebenfalls in Naturns. Dort beschäftigt Ivoclar Vivadent rund 240 Mitarbeiter, gelobt wurde vor allem der kollegiale Umgang. „Wir sind hier alle per Du“, hieß es bei der Vorstellung der Sieger. Dazu gibt’s eine betriebsinterne Mensa, einen Gesundheitszirkel, individuelle Prämien, optimale interne Aufstiegsmöglichkeiten und nicht zuletzt ein flexibles Arbeitszeitmodell, das auf die Bedürfnisse der Mitarbeiter Rücksicht nimmt. Und schließlich Christian Frei, der als Managing Director ein klares Credo verfolgt: „Man darf nichts von einem Mitarbeiter verlangen, was man nicht selbst macht“, sagt er, denn: „Die Mitarbeiter sind die Basis eines jeden Unternehmens.“