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5 September 2017IDM

Weininnovation in Südtirol: Natur in der Flasche

Es tut sich viel im Südtiroler Weinsektor, der jährlich einen Umsatz von 230 Millionen Euro erzielt: Man setzt auf innovative Forschung und intelligentes Marketing, etwa um die Exporte in die USA zu steigern. Zugleich gilt es, sich gegen den Klimawandel und auf einem immer härter umkämpften internationalen Markt zu behaupten.

In der Innovation gilt: Wer etwas radikal ändern möchte, muss nicht hinzufügen, sondern weglassen. Und der Innovationskraft der Natur vertrauen. Die Südtiroler Weinproduzenten haben diesen Minimalismus und diese Integrität zu ihrem Unterscheidungsmerkmal bestimmt, wohl wissend, wie wichtig beispielsweise die richtige Kombination von Rebsorte und Terroir ist, um dem Wein die gewünschte Würze und Frische zu geben. Eine ebenso wichtige Rolle spielt die Forschung. So wird zum Beispiel als Antwort auf die Klimaerwärmung mit verschiedenen Rebsorten experimentiert, die in der Lage sein sollen, zu einem späteren Zeitpunkt zu reifen.

Dies sind die Wachstumsrichtlinien des Südtiroler Weinbaus, einer wichtigen Säule der Wirtschaft in dieser alpinen Region. Die Wachstumszahlen des lokalen Weinsektors können sich sehen lassen: 230 Millionen Euro Umsatz (berücksichtigt werden nur Weine mit der kontrollierten Ursprungsbezeichnung DOC sowie solche mit der geschützten geografischen Angabe IGT), 3-5 Prozent Umsatzsteigerung in einem Jahr (von 2015 auf 2016), 210 Betriebe, 5.000 Weintraubenlieferanten verteilt auf 5.440 Hektar Anbaufläche sowie 600 Angestellte in der Produktion. Die Exporte machen 24 Prozent des gesamten Geschäftsumsatzes aus, dabei wird der amerikanische Markt immer wichtiger. Um den Südtiroler Wein zu vermarkten, steht ein jährlicher Werbeetat von 2,5 Millionen Euro zur Verfügung, der vom Südtiroler Weinkonsortium verwaltet wird, unterstützt von IDM Südtirol.

Hauptdarsteller Weißburgunder

Im Mittelpunkt stehen 20 gebietsgebundene, hauptsächlich weiße Rebsorten, allen voran der Weißburgunder (ital. Pinot bianco), auf den sich die Südtiroler Weinwirtschaft in Hinblick auf den globalen Markt spezialisiert hat. „Wir versuchen auf die weißen Rebsorten zu setzen, bei denen wir wirklich stark sind“, erklärt Werner Waldboth, Marketingverantwortlicher des Südtiroler Weinkonsortiums. „Vor allem der Weißburgunder bietet eine ausgezeichnete Chance, uns auf dem internationalen Markt klar zu profilieren.“ Diese Rebsorte allein nimmt mit 535 Hektar ganze 10 Prozent der Anbaufläche in Südtirol ein. In den letzten vier Jahren erhielten 58 Südtiroler Weißburgunder bedeutende italienische und internationale Auszeichnungen. Preisgekrönt sind zudem der Südtiroler Grauburgunder (Pinot grigio) und bei den Rotweinen der Blauburgunder (Pinot nero) sowie die autochthonen Sorten Lagrein und Vernatsch (Schiava).

Globale Erwärmung verlangt nach Innovation

Die Weinbauflächen in Südtirol konzentrieren sich auf die klimatisch milderen Tal- und Hügellagen, die von den hohen Alpenausläufern umschlossen sind. Für den Weinanbau ist die Höhenlage ein maßgebender Faktor: Derzeit befinden sich die Reben in Höhen zwischen 200 und 1.000 Metern, wobei die durchschnittliche Höhe 400 Meter ü. d. M. beträgt.

Im letzten Jahrhundert ist die Durchschnittstemperatur im alpinen Raum um fast zwei Grad Celsius gestiegen. Die Weinlese beginnt heute um zwei bis drei Wochen früher als noch vor 30 Jahren. Da sich die Klimaveränderung negativ auf das Aroma des Weins auswirken kann, wurde zusammen mit dem agrarwissenschaftlichen Versuchszentrum Laimburg das dreijährige Forschungsprojekt „PinotBlanc“ lanciert, das von der Europäischen Union mit einem Budget von 720.000 Euro finanziert wird. Im Fokus des Projekts steht die Analyse des Zusammenspiels zwischen Höhenlage und Endprodukt. Die Verlegung der Weinreben in höhere Lagen ist die erste der möglichen Lösungen. „Der Temperaturanstieg ist ein reales Phänomen“, bemerkt Werner Waldboth. „Das allein ist kein Grund zur Beunruhigung, dennoch müssen sich die Weinbauern dem Problem stellen.“ Es gebe verschiedene Möglichkeiten, so Waldboth: Zum Beispiel könne man zu hitzebeständigeren Rebsorten wechseln, wie etwa Cabernet oder Cabernet-Sauvignon. Dem stimmt Maximilian Niedermayr, der Präsident des Weinkonsortiums und selbst Winzer in Eppan, zu: „Die ansteigende Durchschnittstemperatur ist ein Problem, dem wir ins Auge blicken müssen.“ Das Konsortium entwickelt daher zurzeit mit dem Versuchszentrum Laimburg eine Weinrebe mit späterem Reifezeitpunkt. „Nehmen wir als Beispiel den Blauburgunder, der heute etwa Mitte September reift: Ideal wäre eine Sorte, die erst zwei Wochen später den Reifehöhepunkt erreicht“, so Niedermayr. „Hierin liegt die Zukunft der Forschung.“

Integrität als Alleinstellungsmerkmal

Der Zugang zur Innovation ist im Weinsektor anders als in anderen Branchen. „Beim Wein“, erklärt Waldboth, „wird nicht versucht, mehr Technologie einzusetzen, sondern man strebt in die entgegengesetzte Richtung.“ Man versuche, Technologie und Einkellerungszeit stark zu reduzieren: „Die Weintraube muss so integer und unversehrt wie möglich in die Flasche kommen, ohne vorab gepresst zu werden.“ Deshalb sucht und entwickelt man in Südtirol Lösungen wie kleine Kisten oder sanfte Transportmethoden, um die Trauben unbeschadet an die Kellerei zu liefern. So sollen das Terroir und die Besonderheiten jeder Rebe auch im Glas wiederzufinden sein. Dieser Qualitätsanspruch bleibt für Südtirols Weinbauern das erste Ziel. „Dass guter Wein nur aus guten Trauben entsteht, ist daher keine so banale Aussage, wie man meinen möchte“, so Niedermayr. „Der Wein wird im Weinberg gemacht, nicht im Weinkeller.“

Amerikanische Herausforderung

Deutschland, Österreich, die Schweiz, Belgien, die Niederlande und Russland sind die traditionellen Abnehmer für Südtiroler Wein. Ein Fünftel des exportierten Weins wird mit einem Umsatzwert von 9 Millionen Euro jährlich auf dem amerikanischen Markt verkauft. Die USA werden für Südtiroler Wein immer wichtiger und bieten breite Expansionsmöglichkeiten, eine Gelegenheit, die sich große wie kleine Südtiroler Kellereien nicht entgehen lassen wollen. Um sicherzustellen, dass sich Südtiroler Weine verstärkt auf dem US-Markt etablieren, unterstützt IDM Südtirol die Branche mit internationalen Marketingmaßnahmen und individuellen Internationalisierungsprojekten.

Im Mai besuchten sieben Weinimporteure aus Chicago, Washington, Philadelphia und Seattle die Etschtaler Weingüter Rottensteiner, Castelfeder, Manincor, Muri-Gries, Arunda, die Kellerei Kurtatsch und die Destillerie Psenner. Damit der Bekanntheitsgrad der Rot- und Weißweine aus Südtirol weiterhin steigt, arbeitet das Südtiroler Weinkonsortium auch mit Markenbotschaftern zusammen: mit May Matta-Aliah in den Vereinigten Staaten, Sebastian Bordthäuser in Deutschland und Pierluigi Gorgoni in Italien.

Die Kunst der Kommunikation

Es reiche nicht aus, einen guten Wein herzustellen, präzisiert der Marketingverantwortliche des Weinkonsortiums Waldboth: Man müsse ihn auch zu erzählen wissen. Und sich dadurch von anderen abheben. „Der Weinmarkt“, sagt er, „ist hart umkämpft. Deshalb ist es wichtig, in den Augen des Publikums interessant zu erscheinen. Es gilt, die Geschichten hinter dem Wein, den Weinproduzenten und sein Land hervorzuheben.“ Gefragt ist Storytelling, das den Weinbau und seine Akteure sowie die Integrität des Produkts in den Mittelpunkt stellt. Maximilian Niedermayr, Präsident des Südtiroler Weinkonsortiums, umreißt die Herausforderung der nächsten Jahre so: „Unser Ziel ist, als Alto Adige – Südtirol auch außerhalb Deutschlands und Italiens bekannt zu sein. Und zwar in der ganzen Welt.“