Tourismus

31 August 2017Simone Treibenreif

Arbeiten, wo andere Urlaub machen

Arbeiten und zugleich Urlaub machen, das ist Workation, eine Möglichkeit, die besonders Kreative bzw. digitale Nomaden wahrnehmen. In diesem Sinne hat das Londoner Designstudio Blackburn seinen Arbeitsort kürzlich zwei Wochen lang nach Südtirol verlegt. Agenturchef Paul Blackburn war begeistert.

2011 hat Paul Blackburn eine auf Markendesign spezialisierte Agentur im angesagten Londoner Multikulti-Viertel Shoreditch gegründet. Im Portfolio des Studio Blackburn finden sich unter anderem Projekte für das Tate Modern London, Toyota oder das University College London (UCL) School of Management. Ende Juli/Anfang August verlegte das gesamte Blackburn-Team (bestehend aus fünf Designern und einem Account Manager) seinen Arbeitsplatz für zwei Wochen vom hippen Shoreditch in die traditionsreiche Südtiroler Kurstadt Meran. Ebenfalls mit dabei: Kinder und Partner der Londoner Agenturmitarbeiter.

Vom hippen Londoner Szeneviertel in ein historisches Meraner Laubenhaus

In der ES-Gallery von Erwin Seppi im zweiten Stock eines historischen Laubenhauses und zum Teil auch in der Außenstelle des Meraner Coworking-Spaces Startbase im Lido Schenna arbeiteten Paul Blackburn und sein Team während fester Arbeitszeiten an laufenden Projekten von Kunden wie der UCL School of Management und der Londoner Wohnbau- und Coworking-Entwicklungsgesellschaft „The Fisheries“ oder an Agenturpitches, Präsentationen, mit denen sich das Studio Blackburn um einen Auftrag bemüht. Andererseits machten das Blackburn-Team jedoch auch gemeinsam Ausflüge in der Umgebung und wanderte auf Meran 2000 und auf dem Vigiljoch.

Workation nennt sich diese Mischung aus Arbeit („work") und Urlaub („vacation"), die besonders unter den sogenannten digitalen Nomaden beliebt ist, Kreativen, die zum Arbeiten wenig mehr als einen Laptop und einen Internetzugang benötigen. „Essentiell für eine erfolgreiche Workation ist leistungsstarkes Internet, am besten in Kombination mit einer schönen Gegend und anderen Attraktionen“, fasst Susanne Fabi zusammen, die das Projekt „Workation Studio Blackburn“ für IDM Südtirol begleitet hat.

Kreative sind zwar cool und locker, aber auch sie benötigen eine funktionierende Struktur

Einerseits liegt einer Workation also eine gewisse Lockerheit inne, besonders auch weil sie häufig von Personen genutzt wird, die nicht an feste Arbeitszeiten gebunden sind. Andererseits ist jedoch auch eine bestimmte Struktur notwendig. Darauf weist auch Paul Blackburn hin: „Internetverbindung- und Geschwindigkeit sind wesentlich – diese Faktoren müssen passen. Ohne diese können wir nicht arbeiten“, hebt der Brite die wichtigsten Bausteine für eine Workation hervor. „Zudem braucht es einen sicheren, einen funktionalen Arbeitsplatz, einen kompetenten Gastgeber und die Möglichkeit die Gegend bequem zu erkunden.“

Bevor Paul Blackburn mit seinen Mitarbeitern zur Workation nach Meran kam, war er mit ihnen bereits zwei Mal im spanischen Tarifa. Die am südlichsten gelegene Stadt des europäischen Festlands ist einer der weltweiten Top-Hotspots für Wind- und Kitesurfer. „Es ist ein cooler Ort, die Workations dort waren großartig – aber neben dem starken Wind, der dort fast ununterbrochen bläst, gibt es Schwierigkeiten mit der Internetverbindung“, erzählt Blackburn.

Studio Blackburn plant auch im nächsten Jahr wieder eine Workation in Südtirol

Auch in Meran war die Internetverbindung nicht immer hervorragend – dennoch möchte Blackburn im nächsten Jahr wiederkommen. „Auch mein Team ist begeistert von der Idee“, so der Agenturchef, der anfangs etwas besorgt war, ob seinen Mitarbeitern Meran ebenso zusagen würde wie es Tarifa getan hatte. Er selbst kam erstmals 2006 nach Meran, seitdem verbrachte er immer wieder seine Sommerferien im Ort und kennt die Gegend deshalb gut. „Ich wusste auch, dass Südtirol eine starke Design-, Handwerks- und Architekturszene hat und ich dachte, dass es eine gute Gelegenheit wäre, unser Netzwerk auszubauen und für mein Team eine Möglichkeit, einer anderen kreativen Szene bzw. Kultur ‚ausgesetzt‘ zu sein“, sagt Blackburn.

Und wie ist er als Arbeitgeber mit dem Resultat der Workation in Meran zufrieden? „Mein Team arbeitet immer gut, diesbezüglich hatte ich keine Bedenken. Außerdem gibt es auch in Shoreditch eine starke Kultur des Arbeitens in Coworking-Spaces, Cafés und Ähnlichem“, sagt Blackburn und streut seinen Gastgebern in Meran zugleich Rosen:  „Erwin Seppi und seine Assistentin Imi haben große Anstrengungen unternommen, um sicherzustellen, dass wir alles, was wir benötigt haben, auch hatten – inklusive einem großartigen Ausblick.“ Bei Technik und Infrastruktur war zudem Startbase Meran behilflich.

„Die Stärken Südtirols im Tourismus sind Gründe dafür, warum es auch für Workation geeignet ist“

Digitale Nomaden suchen sich als – temporären – Arbeitsort gerne sehr lebenswerte Gegenden aus; Südtirol ist ohne Zweifel eine solche. Und auch Blackburn findet, dass Südtirol im Bereich Workation Potenzial habe. „All die Stärken, die Südtirol im Tourismus hat – das Klima, die Natur, das großartige Essen, qualitativ hochwertige Hotels und Appartements – sind Gründe dafür, warum das Land auch für Workation geeignet ist“, sagt der Agenturchef. Dazu komme, dass es ein großes Spektrum von Aktivitäten gebe, die Gruppen gemeinsam unternehmen könnten, falls die Unternehmen an ‚Team Building‘ interessiert seien. „Am wichtigsten“, betont Blackburn, „aber ist, dass die Menschen in Südtirol super-positiv, freundlich und hilfsbereit sind, aber auch willens zu teilen und von und mit Auswärtigen zu lernen, was zu wirklich produktiven Erfahrungen führt.“

Auch die Kontakte, die Paul Blackburn und sein Team zu Südtiroler Kreativen geknüpft haben (unter anderem bei einem Netzwerk-Aperitif am Ende der Workation in Meran, siehe Fotos), könnten schon bald Früchte tragen. „Wir haben mit einigen angedacht, das ein ‚Studiotausch‘ etwas wäre, das wir in der Zukunft angehen könnten: Das würde es Südtiroler Kreativen ermöglichen in einem Londoner Büro zu arbeiten und Londonern in Südtirol“, erzählt Blackburn.

Ökosystem Kreativwirtschaft

Beim Wirtschaftsdienstleister IDM Südtirol wird derzeit am Aufbau eines IDM-Ökosystems Kreativwirtschaft gearbeitet. In diesem Netzwerk sollen neben der „Südtiroler Filmförderung“, die bei IDM für die Entwicklung des Filmstandorts Südtirol zuständige Abteilung, auch andere Kreative zusammengeführt werden, unter anderem die von den Gemeinden Meran (bereits operativ), Schlanders, Brixen, Bruneck und Bozen geplanten Coworking-Spaces (genannt Startbases) aber auch die Designerds. Bei Letzterem handelt es sich um ein Kollektiv von Südtiroler Designern und Grafikern, die im vergangenen Jahr erstmals eine internationale Designkonferenz in Bozen veranstaltet haben, 2019 wird die nächste Ausgabe stattfinden.