Infrastruktur

13 Juni 2018IDM

Der BBT: Im Herzen Europas entsteht der längste Tunnel der Welt

Mit seinen 64 Kilometern wird der Brennerbasistunnel bis 2027 nicht nur Italien und Österreich, sondern auch Nord- und Südeuropa verbinden. Mehr als 1000 Personen aus 13 EU-Staaten arbeiten an seiner Fertigstellung, fast 50% der involvierten Firmen kommen aus der Region

In weniger als 10 Jahren wird er der längste Tunnel der Welt sein und mit seinen 64 Kilometern zwischen Franzensfeste und Innsbruck nicht nur eine bessere Verbindung zwischen Italien und Österreich, sondern auch zwischen Nord- und Südeuropa herstellen. Dank der strategischen Funktion Südtirols als Bindeglied werden sich diese Regionen deutlich näherkommen. Es geht um den BBT, den visionären Brennerbasistunnel, eines der ehrgeizigsten und zukunftsträchtigsten Bauvorhaben unserer Zeit. „Der Tunnel bildet das Herzstück des Skandinavien-Mittelmeer-Korridors, der von Helsinki bis nach La Valletta in Malta führt. Die Fertigstellung des Tunnels bildet eine Priorität für den Korridor. Er wird die Achse Italien – Österreich stärken und sich positiv auf alle europäischen Länder und insbesondere die direkt betroffenen Staaten auswirken“, bekräftigt Raffaele Zurlo, Geschäftsführer des Unternehmens BBT SE, das die Bauleitung innehat. 

Gearbeitet wird an 7 Baustellen in Österreich und Italien 

Da es sich um ein länderübergreifendes Projekt handelt, wurde eine Societas Europaea gegründet, ein Unternehmen von besonderer Form, die eigens für die Durchführung derartiger Vorhaben per europäischer Verordnung eingeführt wurde. Die Aktien der Gesellschaft werden zu 50% von Österreich gehalten, über die ÖBB Infrastruktur AG, Betreiberin des österreichischen Bahnnetzes, und zu 50% von Italien, über die Tunnel Ferroviario del Brennero TFB SpA, zu deren Aktionären RFI SpA (87,92%), die autonomen Provinzen Bozen und Trient sowie die Provinz Verona zählen. 

Der zukünftige Tunnel führt auf 794 m Höhe unter dem Brenner hindurch, der mit einer Höhe von 1371 m der niedrigste Pass der gesamten Alpenkette ist. Derzeit wird hierfür an sieben Baustellen in Italien und Österreich gearbeitet. Der Tunnel soll hauptsächlich für den Warentransport dienen, in kleinerem Umfang auch für die Personenbeförderung. Er durchquert die Alpen mit einer minimal reduzierten Neigung: der Abschnitt zwischen Franzensfeste und Innsbruck ermöglicht eine Verkürzung der aktuellen Strecke von 75 km auf 55 km, wobei die Neigung von derzeit max. 26‰ auf 6,7‰ reduziert wird. Das heißt, Passagierzüge können sie mit 250 km/h befahren, Güterzüge mit 160 km/h. Neben den Tunnelein- und -ausgängen in Franzensfeste und Innsbruck werden auch vier weitere seitliche Zugangstunnel gebaut, die Bahntunnel und Erkundungsstollen nach außen verbinden: drei auf österreichischem Gebiet (Ampass, Ahrental, Wolf) und einer in Italien, in der Gemeinde Freienfeld (Bozen). 

Einsatz von Spezialtechniken wie Bodenvereisung und Jet Grouting

Unsere Reise beginnt bei der Eisackunterquerung in der Nähe der Ortschaft Franzensfeste: hier befindet sich der südlichste Bauabschnitt des Basisbrennertunnels, für den Kosten in Höhe von 303 Millionen Euro vorgesehen sind. Mit den Arbeiten wurden die Genossenschaft RTI Salini-Impregilo S.p.A., Strabag AG, Strabag S.p.A., Consorzio Integra und Collini Lavori S.p.A. beauftragt. Die im Rahmen dieses Bauabschnitts geplanten Arbeiten sollen den Tunnel mit der bisherigen Brennerbahnlinie und dem Bahnhof Franzensfeste verbinden. Insgesamt werden 4,2 km Haupttunnel und 1,5 km Verbindungstunnel zur bestehenden Bahnlinie errichtet. „An diesem Baulos allein sind ca. 350 Mitarbeiter damit beschäftigt vier Tunnel zu graben, die nur fünf Meter unter dem Flussbett verlaufen. Aufgrund dieser sehr dünnen Decke war der Einsatz von Spezialtechniken wie Bodenvereisung und Jet Grouting notwendig. Wir verfestigen den Boden, der hauptsächlich aus losen fluvioglazialen Ablagerungen besteht, um die Durchlässigkeit in diesem Bereich fast vollständig auszuschließen“, erklärt der Ingenieur Stefano Torresani, Projektmanager der Eisack-Baustelle. Er fügt hinzu, dass in diesem Bauabschnitt sowohl die Brennerautobahn A22 als auch die Staatsstraße SS12, die bestehende Bahnlinie und der Fluss unterquert werden. Im Rahmen der aktuellen Bauphase werden auch vier Zugangsschächte zu den Ausgrabungsarbeiten der Tunnel errichtet: sie haben einen Durchmesser von 35 Metern und eine Tiefe von 25 m, wie die vier geplanten Tunnel. 

Mauls 2-3: Insgesamt 65 km Tunnel werden hier gegraben

Die nächste Baustelle ist Mauls 2 – 3, wo derzeit ca. 600 Personen beschäftigt sind, eine Zahl, die zu Spitzenzeiten auf mehr als 850 anwachsen wird. Dieser Bauabschnitt umfasst Arbeiten mit Kosten in Höhe von 993 Millionen Euro und wurde einer aus den Unternehmen Astaldi S.p.A., Ghella S.p.A., Oberosler Cav Pietro S.r.l., Cogeis S.p.A. und PAC S.p.A. bestehenden Firmengruppe übertragen. In einem Zeitraum von sieben Jahren sollen hier fast 40 km Tunnel und ca. 14 km Erkundungsstollen errichtet werden, einschließlich der Nothaltestelle Freienfeld, des entsprechenden Zugangstunnels und der Querschläge. «Mauls 2-3 ist die größte Baustelle auf italienischem Gebiet und erstreckt sich von der Eisack-Unterquerung bis zur Staatsgrenze. Berücksichtigt man sämtliche Arbeiten, werden bis Ende 2023 stolze 65 km Tunnel gegraben. Derzeit sind sechs Vortriebsstellen gleichzeitig geöffnet: an dreien wird mit Sprengstoffen gearbeitet, während an den anderen dreien Tunnelbohrmaschinen eingesetzt werden, die den Fels mit einem rotierenden Fräskopf abtragen. „Seit wir vor 10 Tagen die erste Fräse eingesetzt haben, haben wir bereits ca. 75 m gebohrt, was einem Durchschnitt von 7,5 m pro Tag entspricht. Innerhalb eines Monats planen wir dieses Tempo zu verdoppeln“, erklärt der Ingenieur Stefano Fuoco, Bauleiter des Bauloses Mauls 2-3.

Fast 50% der Ausschreibungen betreffen Unternehmen aus Südtirol oder Tirol

Von Bauingenieuren über Geotechniker und Rechtsberatern bis hin zu Kommunikationsexperten, beim Bau des BBT ist vielseitiges Knowhow gefragt

Wirklich beeindruckend sind jedoch die Zahlen des Vorhabens: auf den italienischen Baustellen sind insgesamt mehr als 1.000 Personen beschäftigt, bestehend aus Arbeitern, Technikern, Ingenieuren, Bauleitern und Geologen aus 13 europäischen Ländern, und es wurden bereits 82 der vorgesehenen 230 km gegraben. Die Kosten für das Vorhaben betragen 8 Milliarden und 400 Millionen Euro, wobei fast 50% der Ausschreibungen Unternehmen betreffen, die einen Firmensitz bzw. eine feste Betriebsstätte in Südtirol oder Tirol haben. „Der Tunnel wird zwar erst 2027 fertiggestellt, zeigt aber heute schon Auswirkungen auf die Wirtschafts- und Beschäftigungssituation“, bestätigt der Geschäftsführer Zurlo. „In diesem Zusammenhang ist ein vielseitiges Knowhow gefragt: von Bauingenieuren über Geotechniker und Rechtsberatern bis hin zu Kommunikationsexperten. Es handelt sich um ein grandioses Projekt, das allen Beteiligten die Möglichkeit bietet, einzigartige Erfahrungen zu sammeln“. Aus diesem Grund wurden auch verschiedene Weiterbildungsinitiativen im Rahmen der Bildungsreform laut Gesetz 107 „La buona Scuola“ gestartet, sowie Formen der Zusammenarbeit und Praktika mit den wichtigsten europäischen Universitäten und Schulen. Schüler und Studenten haben zudem die Möglichkeit, den BBT für die Abfassung von Studien- oder Doktorarbeiten zu besichtigen. Des Weiteren werden „Open Days“ für die ansässige Bevölkerung organisiert. Der vergangene „Tag der offenen Tür“ im September 2017 zog fast 4000 Besucher an. 

Insgesamt ca. 400 Millionen Euro konnten 2017 eingespart werden

Der Brennerbasistunnel bringt jedoch auch in Bezug auf die Kosten einige Neuerungen: die geplanten Investitionen wurden bereits zweimal nach unten korrigiert, woraus sich schon jetzt Einsparungen in Höhe von ca. 400 Millionen Euro (2017) ergeben. Mit diesen öffentlichen Geldmitteln können nun andere Projekte finanziert werden. Eine wichtige Rolle spielt auch die Einbindung der umliegenden Regionen: „Für die betroffenen Gebiete wurden Ausgleichsmaßnahmen in Höhe von 50 Millionen Euro eingeplant. Die Umweltauswirkungen sollen auf ein Minimum reduziert werden, und auch die Präsenz der Baustellen soll möglichst wenig stören. Wenn der Tunnelbau fertiggestellt ist, wird alles wie vorher sein und die errichteten Bauten werden - bis auf eine Brücke – alle wieder verschwinden“ betont Zurlo.

Baufortschritt in Virtual Reality erleben dank dem Südtiroler Startup Realer

Des Weiteren haben alle, die dieses einzigartige Vorhaben persönlich mitverfolgen möchten, die Möglichkeit, den Baufortschritt vor Ort fast in Echtzeit virtuell zu beobachten, über einen vom Südtiroler Startup-Unternehmen Realer eingerichteten Monitor, der im BBT Infopoint in Fortezza zur Verfügung steht. Alle anderen können sich schon jetzt auf 2027 freuen, wenn der Tunnel fertiggestellt ist. 

Fact Sheet

Geschichte 

1847: Der italienische Ingenieur Giovanni Qualizza spricht als erster von der Idee eines Tunnels unter dem Brennerpass 

1971: Die Gruppe UIC (Union internationale des chemins de fer) gibt eine Durchführbarkeitsstudie für eine neue Brenner-Bahnlinie mit Basistunnel in Auftrag 

1989: Es werden drei Durchführbarkeitsstudien ausgearbeitet, die die Grundlage für die weitere Planung des Brennerbasistunnels bilden

1994: Die Europäische Union nimmt den Korridor Berlin-Neapel in die Liste der vorrangigen Vorhaben auf 

1999: Offizieller Start der Vorplanung, die im Jahr 2002 für definitiv erklärt wird

2004: Italien und Österreich unterzeichnen das Staatsabkommen für die Errichtung eines Basisbahntunnels am Brenner

2007: Beginn der Bauarbeiten in Italien

2009: Beginn der Bauarbeiten in Österreich

Zahlen

64: Kilometerzahl des Tunnels, der Franzensfeste mit Innsbruck verbindet, einschließlich der Umgehung der Tiroler Landeshauptstadt 

8 Milliarden 400 Millionen Euro: geschätzte Gesamtkosten des Vorhabens, von denen 50% von der Europäischen Union getragen werden

400 Millionen Euro: eingesparte Geldmittel im Vergleich zu den anfänglichen Kostenvoranschlägen

50 Millionen Euro: Finanzmittel für Ausgleichsmaßnahmen in Südtirol

2027: Fertigstellung der Arbeiten

1.000: spezialisierte Arbeitskräfte, die an den Baustellen beschäftigt sind 

4: aktive Baustellen, zwei in Italien und zwei in Österreich

4: seitliche Zugangstunnel

4,0 ‰ – 6,7 ‰: vorgesehene Längsneigung

3: Tunnelbohrmaschinen der jüngsten Generation, die für die Grabungsarbeiten in Südtirol eingesetzt werden

3.800: Besucher beim Open Day im September 2017;

30%: transalpiner Güterverkehr, der derzeit über den Brenner läuft