Talente

13 Juli 2018IDM

Von Skirennen zu Finanzmärkten: so investiert Innerhofer in die Zukunft

Interview mit dem Südtiroler Skirennläufer. „Die Technologie hat unglaubliche Fortschritte gemacht: der Unterschied liegt im Detail“. Südtirol? „Ein Paradies“

Er hat es immer schon eilig gehabt. Auch wenn er meist der Schmächtigste war, da er als Siebenmonatskind geboren wurde, ca. 5 km von Bruneck entfernt in Gais im Pustertal. Diese Eile hat ihn zu einem Skirennfahrer der Spitzenklasse gemacht, der stets bis zum Äußersten geht. Er hat aber auch gelernt, die Ausgewogenheit der Dinge zu schätzen: zwischen Aufstieg und Abfahrt, Beschleunigen und Abbremsen. Christof Innerhofer, Skiweltmeister und zweimaliger Medaillengewinner in Sotschi, beschreibt sein Leben mit einem Satz: „Ich bin gern Sportler. Ich weiß, was Gewinnen und Verlieren bedeutet. Genau die Mischung aus diesen beiden Extremen motiviert mich, stets das Beste zu geben.“

Ein Faible für Finanzen, Wirtschaft und Mathematik

Man darf nichts als selbstverständlich ansehen, meint (W)Innerhofer, wie er von seinen Fans auch genannt wird: intensives Training, die Auswahl der leistungsstärksten Skier und ergonomischsten Rennanzüge, die Tätigkeit als Manager. Richtig, denn Christof, der sich von klein auf für Mathematik und Wirtschaft interessiert hat, informiert sich jeden Abend über die Finanzmärkte, studiert, investiert und experimentiert. Auf die Frage, ob er damit die Grundlagen für seine Zukunft nach dem Sport legt, antwortet er zögerlich: „Wir werden sehen. Skifahren ist alles für mich. Wenn ich einmal keine Rennen mehr fahren kann, finde ich bestimmt andere Herausforderungen. Doch sicherlich werde ich traurig sein, weil mir diese Welt aus Adrenalin, Leidenschaft und Ehrgeiz fehlen wird.“

Ja, der Ehrgeiz. Er stachelt zum Sieg an und betäubt jeden Schmerz. „Wenn du vor dem Rennen am Startgate stehst, hast du weder Rücken- noch Knieschmerzen. Du hörst nur eine Stimme, die sagt ‚Das ganze Jahr hast du gearbeitet, um hier zu sein. Jetzt gib dein Bestes’. Und dann fährst du los. Du fliegst. Und jedes Mal denkst du nur ‚Wow. Dieses Gefühl begleitet mich, wenn ich die Skier anziehe, mit der Seilbahn in die Berge fahre, in denen ich schon als Dreijähriger trainierte, wenn ich einen Pokal hochhebe oder eine Medaille umgehängt bekomme“, vertraut uns der mehrmalige Champion an. Doch hinter dem Erfolg steht eine unglaubliche Entschiedenheit. Denn es war nie leicht, unter die ganz Großen zu kommen, auch nicht für ihn. „Als Kind träumte ich, wie Tomba zu sein. Doch bald habe ich erkannt, dass es für echten Erfolg im Skisport nicht ausreicht, wie alle anderen zu trainieren. Man muss mehr tun und dafür Stärke, Konstanz, Flexibilität und Schnelligkeit an den Tag legen. Und Kopf und Herz gleichermaßen einbringen“, erklärt Christof, der dieser Leidenschaft jede Minute seiner Zeit widmet. Am Morgen Training im Fitnessstudio mit spezifischen Übungen zur „Erhaltung der Körperform“, um noch mindestens weitere sieben oder acht Jahre Rennen fahren zu können („Offiziell bin ich 33 Jahre alt, aber ich fühle mich wie 25“). Danach geht es in die Höhe, auf den Berg: vom Fahrradfahren bis zum Klettern. Gleichzeitig werden die Details für die kommenden Rennen geplant, einschließlich der Tests neuer Ausrüstungen. „Die Technologie hat inzwischen höchste Standards erreicht“, bemerkt er, „es wird keine bahnbrechenden Neuerungen mehr geben, wie es z.B. der Wechsel von den konventionellen Skiern auf die Carving-Skier war. Heute liegt der Unterschied im Detail“. Das gleiche gilt für die Liftanlagen. „Ich erinnere mich noch, als ich mit sechs Jahren an einem Rennen in Steinhaus teilnahm, bei dem wir zu Fuß den Berg hinaufsteigen mussten, weil es keine Seilbahn gab. Das war vor ungefähr 25 Jahren“ erzählt er und gibt zu, dass seitdem schon einige Jährchen vergangen sind. Er kann sich noch an Szenen und Situationen erinnern, die sich viele seiner jüngeren Kollegen kaum noch vorstellen können. „Ich habe trotzdem immer noch das gleiche Herzklopfen wie am ersten Tag. Für mich ist das Skifahren keine Arbeit. Es ist viel mehr.“

(Foto: Giuma)

Südtirol? „Eine Trainingshalle im Freien“

Echtes Glück hat er zudem, dass er all dies direkt vor seiner Haustür machen kann. „Südtirol ist eine Trainingshalle im Freien, in der alle von Kindesbein an Sport treiben. Das stärkt den Charakter der Menschen, macht sie zäh, kämpferisch und willensstark. Ich trainiere seit jeher im Skigebiet Speikboden: in den vergangenen Jahren hatten wir mehr als 4,70 m Schnee. Wundervoll! Im letzten Jahr bin ich bis in den Mai Ski gefahren und habe in vier Tagen an die 97 Paar Skier ausprobiert, um die neuen Beläge auszuwählen“, berichtet er voller Begeisterung. Als „Mann der Berge“, wie er sich selbst bezeichnet, kennt er die aktuellen Probleme der Skigebiete sehr gut, deren Schicksal ihm sehr am Herzen liegt. „Die klimatischen Veränderungen stellen das Überleben vieler Anlagen auf eine harte Probe. Angesichts dieser neuen Situation muss man versuchen, zu diversifizieren, was wir hier bereits tun. Wir bieten moderne Anlagen, Gebiete mit Sprüngen, Grinds und anderen Einrichtungen, wo man sich unter Freunden herausfordern kann, Skihütten mit Gourmetküche, Wellnesscenter und einzigartige Panoramen“, gibt er zu bedenken und fügt hinzu: „Ich reise für meine Arbeit um die ganze Welt und kann mir daher mehr als andere ein Bild von der Einzigartigkeit dieser Region machen. Wir sehen die Vorzüge Südtirols als normal an, was aber falsch ist. Wir sollten stattdessen stolz auf unser kleines Paradies sein.“ 

„Erst als Erwachsener habe ich verstanden, welche Opfer meine Eltern brachten, damit ich dorthin gelangen konnte, wo ich heute bin“

Damit kommen wir zum Thema der Oberflächlichkeit, mit der Orte, Erfahrungen und Personen häufig beurteilt werden. Er selbst gibt zu, vieles als selbstverständlich angesehen zu haben, auch bedingt durch sein junges Alter. „Direkt nach dem Matura-Abschluss arbeitete ich als Hilfskraft im Bauunternehmen eines Bekannten, wo ich Gerüste auf- und abbaute oder Fußböden und Isoliermaterialien verlegte. Das war eine Erfahrung, nach der ich das Leben als Sportler umso mehr schätzte", vertraut er uns an. Und fügt hinzu: „Ich kann meinen Eltern nicht dankbar genug sein, dass sie mir die Erfüllung meines Traums ermöglicht haben. Erst als Erwachsener habe ich verstanden, welche Opfer sie brachten, um mich dorthin zu bringen, wo ich heute bin“. Er erinnert sich an seine Eltern, die oft mehrere Jobs hatten, um den Besuch der Sportoberschule in Mals, die Skipässe, die Trainervergütungen, die Skier, die Ausrüstung und die Hotels für die Wettkampfsaison zu finanzieren. All das, was notwendig war, damit er tun konnte, was ihn am glücklichsten machte: Skifahren. Eine Chance, die seinem Vater, der in einer vielköpfigen Familie aufwuchs, verwehrt geblieben war. „Ich bin immer für mich und für sie gefahren“, erzählt er, „und mit jeder Abfahrt hat der Sport meinen Charakter geformt, mich zu einem Unternehmer gemacht, der stets bereit ist, auf sich selbst zu setzen“. Diese Eigenschaft nutzt Christof für einen anderen Bereich seines Lebens: er ist nämlich auch noch als Model und Manager tätig und damit ein echter „Mann von Welt“. Er managt sämtliche Sponsoren- und Kollaborationsverträge mit berühmten italienischen Sport- und Modemarken in eigener Person (von Calzedonia bis Emporio Armani, um nur einige zu nennen). Auf diese Tätigkeit, unterstützt durch seine professionelle Nutzung von Web und Social Media, ist er sehr stolz.

(Foto: Elvis Piazzi)

Doch auch wenn diese Beschäftigungen sehr interessant sind, reizt ihn doch nichts mehr als die Wettkämpfe. Und die Siege. Vom ersten, beim Trofeo Topolino, bis hin zu den bekanntesten, wie dem Triumph beim Weltcup 2008, wo er als erster Italiener in die Geschichte einging, der einen Sieg auf der Stelvio-Piste erringen konnte (gefolgt von weiteren fünf Siegen und 13 Podien), der Goldmedaille im Super G bei den Weltmeisterschaften 2011 in Garmisch, begleitet von der Bronzemedaille in der Abfahrt und der Silbermedaille in der Superkombination, bei der er zusammen mit seinem Freund Peter Fill auf dem Podium stand, sowie einer Silber- und Bronzemedaille bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi. Dabei hatte er in der Vergangenheit angesichts einer Reihe von Rückschlägen auch schon mal ans Aufhören gedacht. Zum Glück hat er es nicht getan, möchte man sagen, und er hat es auch in nächster Zukunft nicht vor. „Wenn du einmal auf dem Siegertreppchen gestanden hast, willst du da immer wieder hin. Daher nutze ich jeden Tag voll aus und bin am Abend nur dann mit mir zufrieden, wenn ich mir vor dem Schlafengehen sagen kann ‚Ok, Chris, auch heute hast du dein Bestes gegeben‘.“

Fact Sheet

Mit drei Jahren stand er zum ersten Mal auf Skiern. Mit 10 Jahren gewann er den ersten Riesenslalom am Helm. Mit 12 Jahren war er Regionalmeister im Super-G in Speikboden. 1997 erreichte er den 2. Platz beim nationalen „Trofeo Topolino“ und qualifizierte sich für das internationale Topolino-Rennen, wo er den 3. Platz im Riesenslalom belegte. Er besuchte die Sportoberschule in Mals, die er nach diversen Verletzungen und Misserfolgen in den ersten Jahren hinschmeißen wollte, woraufhin ihn seine Eltern überzeugten, nicht aufzugeben. Nach hartem Training konnte er aufholen und wurde Mitglied des Skiteams von Südtirol. 

2003 kam er zur Sportgruppe Fiamme Oro der Polizei. 2004 wurde er in die C-Nationalmannschaft aufgenommen, um 2005 in die B-Mannschaft aufzusteigen, mit der er seine ersten Abfahrts- und Super-G-Rennen im Europacup gewann. Am Saisonende belegte er sowohl im Super G als auch in der Abfahrt Rang 4 in der Gesamtwertung des Europacups. 2006 trat er in die Sportgruppe der Finanzwache ein und wurde zum ersten Mal für ein Weltcup-Abfahrtsrennen nominiert. Im darauffolgenden Jahr kam er 17-mal unter die ersten 30 und fünfmal unter die ersten 10. Im Dezember 2008 stieg er schließlich aufs Siegertreppchen, nachdem er das Rennen an der Stelvio-Piste in Bormio gewonnen hatte. Es folgten zwei dritte Plätze in der Superkombination und im Super-G in Sestriere und Are. Insgesamt errang er beim Weltcup 6 Siege und kam 13-mal aufs Podium.

Im Frühjahr 2010 wurde ein schmerzhafter Leistenbruch operiert. Nach der Wiederaufnahme des Trainings erzielte er bald wieder Erfolge. Bei den Weltmeisterschaften in Garmisch-Partenkirchen erzielte er mit dem Gewinn von drei Medaillen seinen größten Erfolg: Gold im Super G, Bronze in der Abfahrt und Silber in der Superkombination. 2011 musste er erneut mit Verletzungsproblemen kämpfen: nach einem bösen Sturz erlitt er ein Schädelhirntrauma, das die nachfolgende Saison stark beeinträchtigte. Neben den Problemen am Kopf stellten sich auch Rückenschmerzen ein, Leiden, die den Trainingsalltag des Sportlers seither bestimmten. 

2012/2013 erzielte er drei Abfahrtssiege auf drei legendären Pisten: Birds of Prey in Beaver Creek, Lauberhorn in Wengen und Kandhar in Garmisch und erreichte den dritten Platz im Super-G auf der Streif in Kitzbühel. Im selben Jahr wurde er vom Italienischen Wintersportverband Fisi zum Südtiroler Sportler des Jahres gewählt und Testimonial des Teams Samsung Galaxy für die Olympischen Spiele in Sotschi, bei denen er zwei Medaillen errang: eine Silbermedaille in der Abfahrt und Bronze in der Superkombination. Über die letzte Saison sagt er: „Sie war nicht leicht und von einigen schwierigen, aber auch sehr glücklichen Momenten geprägt. Ich habe mit dem zweiten Platz im schwedischen Åre abgeschlossen. Diese Freude ist jedoch ein wenig von Trauer überschattet, weil ich in diesem Jahr einen großen Freund und Kollegen verloren habe, David Poisson“.