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30 April 2018IDM

Häuser, die den Planeten regenerieren: die neue Herausforderung für nachhaltiges Bauen

Das International Living Future Institute aus Seattle hat für seine europäische Niederlassung den NOI Techpark in Bozen gewählt und fördert von hier aus die Verbreitung eines der strengsten Zertifizierungssysteme für nachhaltiges Bauen

«Doing more good, not less bad». „Mehr Gutes“ tun, anstatt „weniger Schlechtes“. Übertragen auf das Thema Nachhaltigkeit bedeutet das, man sollte dem Planeten helfen sich zu regenerieren, und sich nicht darauf beschränken, seine Ressourcen mit lediglich geringerer Geschwindigkeit zu verschwenden. Dieser Grundsatz kann auch für das Bauwesen gelten, wie das Beispiel des International Living Future Institute (Ilfi) zeigt, eine NGO mit Sitz in Seattle, die 2006 die sogenannte „Living Building Challenge“ eingeführt hat. 

Dabei handelt es sich um einen der weltweit strengsten und fortschrittlichsten Standards zur Zertifizierung der Nachhaltigkeit von Konstruktionen in all ihren Teilen und Formen. In erster Linie sind damit Gebäude gemeint, die nicht nur energieautark sind, sondern auch eine positive Auswirkung auf das Ökosystem haben. Nicht zufällig hat das Ilfi für seinen europäischen Sitz Südtirol gewählt, eine Region, die sich durch seine zentrale Lage in Europa auszeichnet und sich darüber hinaus zu einem Modell für die Green Economy entwickelt hat. Ein besonderes Aushängeschild ist dabei der NOI Techpark, ein Technologiezentrum, das seinerseits mit der Umweltzertifizierung Leed Gold ausgestattet ist. Von hier aus kann das amerikanische Institut (als Tech Company) im engen Dialog mit den örtlichen Forschungseinrichtungen und Unternehmen europaweite Projekte durchführen und sich an laufenden Initiativen beteiligen, wie z.B. dem europäischen Restore-Projekt, das von EURAC Research koordiniert wird.

Die Mission des Ilfi

„Die Förderung einer auf Ökologie und Regeneration ausgerichteten Lebensweise für alle Menschen“. Das Ziel des International Living Future Institute besteht darin, basierend auf den „Grundsätzen einer sozialen ökologischen Gerechtigkeit“ dem Klimawandel entgegenzuwirken, indem es Bauten fördert, die ohne fossile Energie auskommen. Die Living Building Challenge — „der strengste Standard für grünes Bauen“ — trägt gemeinsam mit vielen anderen Programmen der NGO dazu bei, „ein grünes Rahmenkonzept für das 21. Jahrhundert“ zu entwickeln.

Living Future: von Seattle nach Südtirol

Es ist kein Zufall, dass dieses Institut in Seattle ins Leben gerufen wurde, einer Stadt, die beim Thema Umwelt einen Spitzenrang einnimmt und Hauptstadt einer Region ist, die mit seinen herrlichen Gewässern, Wäldern und Gebirgen (das Gebiet ist auch unter dem Namen Kaskadien bekannt und umfasst den Nordwesten der Vereinigten Staaten und den Südwesten Kanadas) über ein enormes „natürliches Bio-Kapital“ verfügt. Das Ilfi hat seinen Sitz im Bullitt Center (“the greenest commercial building in the world”), einem LBC-zertifizierten, komplett energieautarken Gebäude mit positiven Umweltauswirkungen. Es wurde von der Bullitt Foundation errichtet, deren Vorsitzender Denis Hayes ist. Er organisierte 1970 zum ersten Mal den Earth Day, der in 141 Ländern weltweit gefeiert wird. Derzeit betreut das Institut über 400 Bauprojekte in aller Welt (von den Vereinigten Staaten – Washington (Bundesstaat), Hawai, Kalifornien – bis Neuseeland und Australien), von denen mehr als 70 zertifiziert sind. In Europa laufen derzeit Projekte in Spanien, Frankreich, Irland, den Niederlanden, Rumänien und Großbritannien, wo vor kurzem das Besucherzentrum eines Naturparks im Lancashire eingeweiht wurde, das bald die LBC-Zertifizierung erhalten soll. Das erste Projekt in Italien – ein Wohnhaus für eine fünfköpfige Familie – wurde gerade in Arco in der Region Trentino-Südtirol fertiggestellt. 

Räume, die dem Planeten gut tun

Was konkret beinhaltet die LBC-Zertifizierung, die erst nach einer mindestens 12-monatigen Prüfung nach Nutzungsbeginn des Gebäudes vergeben werden kann? Wir haben mit Carlo Battisti gesprochen, dem vorläufigen Leiter von Living Future Europe und Vertreter des Ilfi im Technologiepark. „Die LBC-Zertifizierung kann erst dann vergeben werden, wenn beispielsweise für ein Jahr geprüft wurde, dass die gesamte Energiebilanz des Gebäudes neutral oder positiv ist, wobei ausschließlich erneuerbare Energiequellen genutzt werden dürfen. Ein Gebäude, das die LBC-Zertifizierung erhält, ist komplett energieautark. Der Bullitt Center in Seattle produziert beispielsweise mehr Energie als er verbraucht, dank der Geothermie, die mit 130m tiefen Sonden und Wärmepumpen funktioniert, und einer Photovoltaikanlage auf dem Dach. Es ist an kein Wasser- und Kanalnetz angeschlossen, sondern verwendet Regenwasser und Komposttoiletten“. Battisti unterstreicht dabei die positiven Umweltauswirkungen. Die Ausgaben werden unter Berücksichtigung der gesamten Lebensdauer des Gebäudes (und nicht nur der Baukosten) schnell amortisiert. „Die Technologien sind äußerst innovativ und rechnen sich daher in kürzester Zeit. Darüber hinaus ist zu bedenken, dass mit dem Fortschreiten der Technologie auch die Preise fallen. Der wichtigste Aspekt besteht jedoch darin, dass derartige Gebäude eine harmonische Beziehung zur Umwelt haben. Der bebaute Raum ist nicht mehr von seiner Umgebung abgetrennt, sondern nutzt die Sonneneinstrahlung, das Tageslicht, die Belüftung und Baumaterialien aus der Umgebung“. 

Das von Ilfi verfolgte Modell ist laut Battisti „ein wichtiger Pfeiler, um den Trend der fortschreitenden Erderwärmung umzukehren“. „Wir müssen noch weiter gehen: wir dürfen uns nicht damit zufrieden geben, die Emissionen von klimaverändernden Gasen und den Verbrauch von Ressourcen zu reduzieren, sondern müssen anfangen, positive Auswirkungen für die Menschen, die Umwelt und den gesamten Planeten zu schaffen. Auf Englisch wird dieses Konzept mit ‘do more good, not less bad’ ausgedrückt“.

Vom NOI Techpark bis nach ganz Europa

Es geht also darum, eine nachhaltige Baukultur zu fördern. Mit der Ansiedlung des Instituts im NOI Techpark werden verschiedene Ziele verfolgt. „Das Institut beabsichtigt mit der Eröffnung des italienischen Sitzes in Bozen, einen Bezugspunkt für ganz Europa zu schaffen“ erklärt Battisti. „Von Bozen aus können Projekte gestartet und Zertifizierungen im Rahmen des LBC-Programms gefördert werden, ebenso wie das Label für die Transparenz von Baustoffen (Declare), das garantiert, dass die Materialien keine giftigen Stoffe enthalten. Von der Hauptstadt Südtirols aus sollen die Bedingungen für ein kulturelles Umdenken in Italien und Europa geschaffen werden, unter Einbeziehung der gesamten Wirtschaftskette, von den Planern über die Unternehmer bis hin zu den Bauherren“.

(Foto: Ivo Corrà)

Südtirol, ein fruchtbarer Boden

Warum wurde gerade die Provinz Bozen ausgewählt, ein Gebiet, in dem Nachhaltigkeit bereits groß geschrieben wird und unter anderem auch das Zertifizierungssystem KlimaHaus ansässig ist? „Gerade weil in dieser italienischen Region der Nachhaltigkeit eine führende Rolle beigemessen wird, fallen solche Ideen hier auch auf einen besonders fruchtbaren Boden“ fährt der Berater und Projektmanager fort. „So ist es möglich, das Problem an der Wurzel anzupacken und grundlegende Veränderungen einzuleiten. Außerdem gehört die Provinz zu einer der 20 fortschrittlichsten Regionen und gilt - nicht zuletzt auch wegen ihrer Dreisprachigkeit - als ’Brücke nach Europa’. Darüber hinausweist Südtirol einen starken Einklang mit den Grundsätzen des LBC auf, von sozialer Gerechtigkeit über kulturelle Vielfalt bis hin zur Umweltregenerierung“.

Eine gute Wahl also. Battisti bemerkt abschließend: „Wir sind am richtigen Ort, um auch mit den deutschsprachigen Ländern zu kommunizieren, in denen die Nachhaltigkeit im Bauwesen bereits sehr fortgeschritten ist. Außerdem können wir uns in das innovative lokale Netzwerk aus Unternehmen, Forschungszentren sowie öffentlichen und privaten  Trägern einfügen. Hierzu gehört auch das aus europäischen Mitteln finanzierte Restore-Projekt, an dem Eurac Research und mehr als 140 Wissenschaftler aus 39 Ländern beteiligt sind. Alles in allem können wir von hier aus wirklich einen konkreten Beitrag zum Wohlbefinden des Planeten liefern“.

Fact Sheet

Das International Living Future Institute (Ilfi) ist eine amerikanische NGO, die 2006 die „Living Building Challenge“ eingeführt hat, einen der weltweit „strengsten Standards für grünes Bauen“, ebenso wie verschiedene Programme und Labels zur Förderung der Nachhaltigkeit. 

Die in Seattle gegründete Non-Profit-Organisation betreut derzeit ca. 400 Bauprojekte in aller Welt, von denen bereits mehr als 70 die LBC-Zertifizierung erhalten haben (sie wird nach einer mindestens 12-monatigen Prüfung des effektiven Energieverbrauchs vergeben). Aktuell laufen u.a. Projekte in den USA, in Australien, in Neuseeland, in China, in Spanien, in Frankreich, in Großbritannien, in den Niederlanden, im Mittleren Osten und in Südamerika. In Italien läuft zurzeit ein Projekt in Arco in der Region Trentino-Südtirol.

Als europäischen Sitz hat Ilfi den in der Provinz Bozen gelegenen NOI Techpark gewählt. Dieser grüne Technologiepark (mit Leed Gold-Zertifizierung) ist ein Aushängeschild für den innovativen Standort Südtirol. Ilfi Europe – das Institut wurde von der Kommission des NOI Techparks zugelassen und siedelt sich als Tech Company an – bereichert das europäische Netzwerk, dessen Ziel darin besteht, den Trend zur Erderwärmung zu stoppen, in Übereinstimmung mit der Umwelt- und Energiestrategie der EU für die Jahre 2020-2030 und den Richtlinien zu Energieeffizienz und grünem Bauen. Und das auf einem 500 Millionen Personen umfassenden Binnenmarkt.

„Ilfi Europe“ führt vom NOI Techpark aus zahlreiche Aktivitäten durch:

·      Anbindung des Instituts an den europäischen Markt

·      Bekanntmachung des Standards auf nationaler und europäischer Ebene

·      Bekanntmachung der Serviceleistungen und Labels (z.B. Declare) des Ilfi

·      Unterstützung des Hauptsitzes bei der Koordinierung der Zusammenarbeit in Europa

·      Entwicklung relevanter Projekte für den europäischen Markt

·      Sensibilisierung und Weiterbildung (Kurse, Workshops)

·      Beratung und Unterstützung von Planern und Unternehmen in Bezug auf LBC-Projekte und Zertifizierungen

·      Förderung von Partnerschaften mit Organisationen, die die LBC-Grundsätze teilen

·      Teilnahme an der europäischen Initiative Restore unter der Leitung von Eurac Research in Bozen (2017-2021)

·      Förderung von Forschung und Entwicklung sowie Sammlung von Geldmitteln auf örtlicher, nationaler und europäischer Ebene