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16 Mai 2018IDM

Von Airbus bis hin zum intelligenten Gewächshaus – Kerr erfindet die Elektronik neu

Das Bozener Unternehmen fertigt maßgeschneiderte Systeme für Philips, Eurofighter und Osram an und entwickelt seit einiger Zeit auch eigene Lösungen. Ein globales Business im Herzen Südtirols: „Hier lebt und arbeitet es sich am besten“

Mikrochips für Zivil- und Militärluftfahrzeuge in aller Welt, darunter Airbus und Eurofighter, Elektroniksysteme für Kolosse wie Philips, Osram und Cree. Damit sind nur einige der Projekte von Kerr genannt, einem in Bozen ansässigen Unternehmen, das sich auf die Entwicklung von Elektroniksystemen spezialisiert hat. Es geht um Lösungen, die im Zusammenhang mit Verbrauch, Rechenkapazität und Leistung auf ganz besondere Anforderungen zugeschnitten sind und nicht aus den marktüblichen Standardkomponenten hergestellt werden können. Die Systeme finden in den verschiedensten Produkten Anwendung: von Waschmaschinen und PCs über Flugzeuge und Beleuchtungen bis hin zur Robotik.

Lösungen für die verschiedensten Sektoren

Kerr entwickelt vor allem Lösungen für die Bereiche Medizin, Automotive, industrielle Automation und Flugelektronik. Dank der Zusammenarbeit mit zwei weltweit führenden Unternehmen für Mikroelektronik — Faraday Technology Corporation aus Taiwan und Opulent aus Singapur —handelt es sich fast immer um namhafte Projekte. Seit circa zwei Jahren produziert das Unternehmen nicht nur im Auftrag dieser beiden «Big Player», sondern entwickelt auch eigene Produkte. Eines davon ist ein höchst innovatives Automatiksystem für den Anbau von Obst und Gemüse.

„Die Firma wurde 2008 dank einer Zusammenarbeit mit Faraday Corporation ins Leben gerufen, einem der weltweit wichtigsten Unternehmen für Mikroelektronik — erzählt Andrea Stona, CEO bei Kerr. — Nach meinem Physikstudium habe ich mich sofort auf den Halbleiter-Sektor spezialisiert und Firmen gesucht, die mich bei der Entwicklung einiger Mikrochips unterstützen würden. Auf diese Weise kam ich dann mit dem taiwanesischen Unternehmen in Kontakt. Aus dieser Kooperation entwickelte sich zunächst eine Vertretung für Italien und schließlich für ganz Südeuropa. Wir kümmern uns um die Machbarkeitsstudien und einen Teil der Projektentwicklung, die Produktion wird dann bei Faraday durchgeführt“. Kerr beschäftigt sich jedoch nicht nur mit einzelnen Mikrochips, sondern auch mit den Elektroniksystemen fertiger Produkte: „Im Jahr 2011 verstärkten wir unsere Produktions- und Entwicklungskapazitäten, indem wir auch die Vertretung für Opulent aus Singapur übernahmen, zu deren Kunden einige der wichtigsten Konzerne des Elektroniksektors gehören“. Für Opulent begann das Südtiroler Unternehmen komplette Systeme für die Bereiche Medizin und Industrieautomation zu entwickeln, und seit ca. zwei Jahren auch für die Automotive-Branche. Aus diesem Grund wurde Kerr vor Kurzem auch in das Ecosystem Automotive von IDM Südtirol aufgenommen. Dies ist jedoch nicht die einzige Verbindung zur Agentur für Innovation und wirtschaftliche Entwicklung in Südtirol. Kürzlich wurde Kerr von IDM als Technologieunternehmen im NOI Techpark — Südtirols pulsierendes Zentrum für Innovation — angesiedelt, wo die Firma seit März dieses Jahres seinen Hauptsitz hat.

Der Standort NOI Techpark verspricht weiteres Wachstum

Technologie in der Landwirtschaft

„Bis vor ca. zwei Jahren führten wir lediglich Auftragsarbeiten durch. Das heißt, der Kunde kam zu uns und wir realisierten das Projekt. Jetzt entwickeln wir aber auch eigene Lösungen. Aus diesem Grund wurden wir kürzlich dank eines internationalen Projekts im Zusammenhang mit dem Anbau von Obst und Gemüse als Technologieunternehmen in den NOI Techpark aufgenommen — so Stona. — Die Idee besteht darin, ein automatisch gesteuertes, komplett autonomes Gewächshauszu schaffen, in dem die Pflanzen optimal wachsen können. Dies soll dank eines Systems aus elektronischen Komponenten wie Sensoren, Stellgliedern und Beleuchtungssystemen bewerkstelligt werden. In der ersten Projektphase messen wir eine Reihe von Faktoren, die das Pflanzenwachstum beeinflussen, wie Temperatur, Feuchtigkeit und Magnetfelder. Die Daten werden von einem Konzentrator gesammelt und an einen Cloud Server übermittelt“. Danach werden aus diesen Informationen „Rezepte“ für die Umgebungsbedingungen der verschiedenen Pflanzen erstellt, die mithilfe des automatisierten Systems ein optimales Wachstum garantieren sollen. Diese Lösung kann sowohl „indoor“ in kleinen Schränken Anwendung finden, z. B. in privaten Wohnungen oder großen Restaurants und Hotels, die jeden Tag frisches Obst und Gemüse benötigen, als auch auf industrieller Ebene im Massenanbau. An diesem ehrgeizigen und international angelegten Projekt sind auch Opulent aus Singapur und EDAlab beteiligt, ein Spin-off-Unternehmen der Fakultät für Informatik der Universität Verona, das sich um die Cloud-Infrastruktur kümmert. „Wir prüfen gerade gemeinsam mit den Experten von IDM, welche weiteren Partner wir noch mit einbinden können. Für den Forschungsteil beabsichtigen wir das Versuchszentrum Laimburg oder Eurac Research einzubeziehen“, fügt Stona hinzu.

Auch wenn es sich noch in den Anfängen befindet, hat das Projekt bereits erste Früchte getragen. Vor Kurzem erhielt Kerr im Rahmen von KMU Instrument, ein Förderungsinstrument der EU für kleine und mittlere Unternehmen, die innovative und international ausgerichtete Projekte entwickeln möchten, die bedeutende Auszeichnung «Seal of Excellence». Und zwar für das Projekt „Okularia“, welches ebenfalls im Bereich des Gartenbaus Anwendung finden kann und an das zusammen mit Opulent und EDAlab entwickelte Projekt anknüpft. „Es geht um ein Verfahren, bei dem das Sonnenlicht über kleine Kunststoffröhren in ein Lager oder die oben genannten Pflanzschränke geleitet werden kann, um neben elektrischem Licht auch die Sonneneinstrahlung zu nutzen. Das Ziel besteht darin, den Stromverbrauch einzuschränken und damit nicht nur die Produktionskosten, sondern auch die Umweltauswirkungen zu reduzieren“, erklärt Stona.

(Foto: MediaLab)

Südtirol, «fruchtbarer Boden»

Hohe Lebensqualität und ein äußerst kooperatives Umfeld sind Gründe zu bleiben

Trotz seiner internationalen Ausrichtung hat Kerr seinen Firmensitz in Südtirol beibehalten: „Als wir im Jahr 2008 anfingen, lebte ich noch in Padua, wo ich mein Studium absolvierte hatte, doch das Unternehmen haben wir letztendlich hier in Bozen gegründet“, erzählt Stona. Warum in Südtirol? „Früher war der Standort für die Tätigkeit eines Unternehmens von großer Bedeutung — bemerkt der Südtiroler — Doch dank der neuen Kommunikationstechnologien ist das heute nicht mehr ausschlaggebend. Ob man in Mailand, Rom oder Bozen ansässig ist, ändert auf geschäftlicher Ebene nur wenig, während es sich jedoch deutlich auf die Lebens- und Arbeitsqualität auswirkt“. „Ich kenne die Mailänder Arbeitswelt sehr gut, da ich von dort komme — berichtet Sara Groppi, Mitbegründerin und Back-Office-Managerin von Kerr — und ich muss sagen, dass wir hier ein deutlich offeneres Umfeld und mehr Kooperationsbereitschaft vorgefunden haben, sowohl bei den Unternehmen als auch bei der Provinz. Letztere leistete uns umfassende Hilfestellung, vor allem als wir uns entschlossen haben, eigene Produkte herzustellen. Gerade hier im NOI Techpark bekommen wir wirklich die Unterstützung, die wir brauchen“. Zufrieden mit seinem Arbeitsumfeld und den beruflichen Möglichkeiten in Südtirol ist auch der 18-jährige Praktikant Chen Lijun.„Ich kam im Rahmen der Dualen Ausbildung zu Kerr und kümmere mich momentan um die Wireless-Kommunikation zwischen verschiedenen Mikrochip-Lösungen. Ich möchte später einmal im Informatikbereich arbeiten und glaube, hier in Südtirol wirklich gute Möglichkeiten zu haben. Kerr habe ich bereits kennengelernt und dann gibt es ja auch Einrichtungen wie den NOI, die, wie ich selbst erfahren habe, viele Arbeitsstellen in der Informatikbranche anbieten“, berichtet der Schüler der Technischen Fachoberschule IISS Galilei in Bozen.

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Fact Sheet

Geschichte

Kerr wurde 2008 in Bozen gegründet und war zunächst als europäische Vertretung für Faraday Technology Corporation tätig, eines der weltweit wichtigsten Unternehmen für Mikroelektronik in den Bereichen Automotive, Medizin, Industrie und Flugelektronik mit Sitz in Taiwan. Für Faraday wurden einige bedeutende Mikrochip-Projekte für Airbus-Flugzeuge, EFA Eurofighter und Agusta-Hubschrauber realisiert. Seit 2011 arbeitet Kerr auch mit Opulent aus Singapur zusammen, einem marktführenden Unternehmen für die Herstellung von Elektroniksystemen und Beleuchtungsanwendungen, das einige Größen der Elektronikbranche wie Philips, Osram, Cree und TI beliefert. Die gemeinsam mit Opulent entwickelten Lösungen werden in unterschiedlichsten Produkten der Sektoren Medizin, Robotik und Beleuchtung genutzt. Im Laufe der Jahre hat Kerr gemeinsam mit den beiden Unternehmen sechs Patente für die Bereiche Mikroelektronik und LED-Beleuchtung angemeldet. Seit ca. zwei Jahren entwickelt es auch eigene Systeme, darunter das Projekt «Okularia». Es ist unter anderem für den Anbau von Gartenpflanzen bestimmt und wurde 2017 im Rahmen des europäischen Förderungsprojekts „KMU Instrument“ mit dem „Seal of Excellence“ ausgezeichnet. Weitere Projekte sind ein Thermometer für elektromedizinische Anwendungen und ein industrielles Automationssystem, welches auf dem IoT-Übertragungsprotokoll LoRa (Long Range) basiert. Seit Anfang März ist Kerr dank eines internationalen Projekts für den automatisierten Anbau von Obst und Gemüse als Technologieunternehmen im NOI Techpark ansässig.

Projekt

Kerr entwickelt gemeinsam mit dem Unternehmen Opulent aus Singapur und EDAlab aus Verona ein Automationsprojekt, das verschiedene Sensoren, Stellglieder und Beleuchtungssysteme umfasst und in „Pflanzschränken“ Anwendung finden soll. Derzeit werden verschiedene Untersuchungen durchgeführt, um festzustellen, welche Parameter das Pflanzenwachstum am meisten beeinflussen. Das Ziel besteht darin, ein autonomes System zu entwickeln, das ein optimales und automatisiertes Wachstum für jede Pflanzenart ermöglicht. Neben dem industriellen Großanbau könnte dieses System u. a. auch in der Gastronomie - und Tourismusbranche angewendet werden. Potenzielle Kunden sind zum Beispiel große Hotels und Restaurants, die ihren Gästen auf diese Weise jeden Tag frisches Obst und Gemüse anbieten könnten.