Kultur

21 November 2017IDM

Über den Tellerrand hinaus – weit hinaus…

Weitblick. Dass dieser Begriff mehrere Bedeutungen hat, wird auf dem Buchnerhof oberhalb von Leifers klar. Zum einen genießt man hier einen phantastischen Blick auf das Südtiroler Etschtal, zum anderen hat Prof. Rainer Uhl aus dem Hof eine Begegnungsstätte gemacht. Hier blicken Wissenschaftler, Künstler und Philosophen über den Tellerrand, lassen sich gegenseitig und von der Natur inspirieren und schaffen Neues.

„Beruflich ist man immer unter seinesgleichen und die Freizeit verbringen wir meistens in unserer Generation. Was fehlt, sind die Diagonalen.“

Menschen haben viele Dimensionen und manche noch ein paar mehr. Der Badener Rainer Uhl beispielsweise ist Biophysiker, pensionierter Professor, Unternehmer, Erfinder und Entwickler, Revolutionär der Mikroskoptechnik, Stifter der nach seinen Eltern benannten „Elisabeth und Helmut Uhl Stiftung“, Weinbauer, Theatermacher, Chorsänger und noch so einiges mehr. Dass solch einem vielseitig begabten und interessierten Menschen die gängigen gesellschaftlichen Grenzen irgendwann zu eng werden, liegt auf der Hand: „Beruflich ist man immer unter seinesgleichen und die Freizeit verbringen wir meistens in unserer Generation. Was fehlt, sind die Diagonalen“, sagt Uhl dann auch, wenn er von der Idee spricht, die dem Buchnerhof hoch über Leifers zugrunde liegt: eben diese Diagonalen zu schaffen.

Denken über die Grenzen hinaus

Konkret heißt dies: Am Buchnerhof treffen sich Menschen, die bereit sind, über die Grenzen ihres eigenen Fachgebiets hinauszudenken, sich mit anderen Generationen, Fachbereichen und Denkansätzen auseinanderzusetzen. Das Ganze wird dann wirklich mehr als die Summe seiner Teile, der Output mehr als das, was die Individuen eingebracht haben. Uhl stellt diesen Menschen den Buchnerhof zur Verfügung, der nicht umsonst einsam, abgelegen und hoch über dem Tal liegt. Hier herrscht Ruhe, Ablenkung gibt es kaum, die Natur bietet Räume, um auch einmal spazierend seinen Gedanken nachzuhängen oder sie in kleineren Gruppen zu diskutieren. „So konzentriert, das sagen mir fast alle Gäste, haben sie selten zuvor gearbeitet“, erklärt Uhl.

Rund 20 Denkergruppen im Jahr treffen sich seit mittlerweile vier Jahren am Buchnerhof, einem ebenso kühnen wie zurückhaltenden Glas-, Stahl- und Holzbau. „Ich wollte kein dominantes Gebäude, sondern eines, das sich behutsam in die Landschaft einfügt“, so der Ideator. Dieses Ziel ist ohne Zweifel erreicht worden, der Logenplatz hoch über dem Südtiroler Unterland ist vom römischen Architekturbüro „modostudio“ beeindruckend bespielt worden: mit Glasfronten, die den Blick freigeben auf Natur- und Kulturlandschaft, auf schroffe Berge und das breite Etschtal, mit klaren Linien und natürlichen Materialien, sprich: viel Holz, das für Ruhe und einen unmittelbaren Bezug zur umgebenden Natur sorgt.

Warum lebt ein Wahlmünchner seinen Traum in Südtirol?

Die Frage liegt auf der Hand, warum der Wahlmünchner Uhl seinen Traum von einer Begegnungsstätte nicht unter weißblau-bayerischem Himmel, sondern in Südtirol verwirklicht hat. Für die Antwort holt Uhl weit aus: Schon 1997 habe er die Idee geboren und halb Bayern mit Bahn und Fahrrad auf der Suche nach einem geeigneten Grundstück abgeklappert. Weil das nötige Kapital aus dem Verkauf von Uhls Mikroskopfirma erwirtschaftet werden soll, macht das Scheitern der ersten Verkaufsverhandlungen dem Traum vorerst ein Ende. Erst zehn Jahre später kommt der Deal tatsächlich zustande, Uhls Firma (mit Ausnahme einer zuvor abgespaltenen Forschungsfirma, die er heute noch leitet) wird verkauft, das Stiftungskapital für die Begegnungsstätte ist 2007 da. Nur: es fehlt noch immer ein geeignetes Grundstück.

„Das Wetter ist besser, das Essen ist besser, der Wein ist besser und die Land-schaft ist mindestens ebenso schön.“

Auf der Suche kommt Uhl auch nach Südtirol: „Ich habe ein Angebot bekommen und mir gedacht, warum eigentlich nicht? Südtirol liegt nahe an München, das Wetter ist besser, das Essen ist besser, der Wein ist besser und die Landschaft ist mindestens ebenso schön.“ Sein Makler zeigt ihm darauf den verfallenen Buchnerhof, Uhl weiß sofort: das ist es! Das Ergebnis dieses Heureka haben wir bereits beschrieben.

Das alles schildert sich einfach, der ganze Prozess – Firmenverkauf, Grundstückssuche, Bau – monopolisieren aber Uhls Energie, Kraft und Konzentration. „Als das Haus dann stand, bin ich in ein tiefes Loch gefallen“, so der Buchnerhof-Macher. „Ich habe mich gefragt: Wie fülle ich dieses Haus jetzt nur?“ Nun weiß man: Rainer Uhl ist keiner, dem es an Ideen fehlt, weshalb er auch auf diese Frage eine Antwort findet, und zwar in Gestalt deutscher Studienstiftungen. „Diese Stiftungen fördern Hochbegabte, sie haben also schon eine Vorauswahl getroffen und sind offen für Begegnung und Austausch“, erklärt der pensionierte Professor der Ludwig-Maximilians-Universität München. Den Studienstiftungen bietet Uhl den Buchnerhof als Begegnungsstätte an, seither hat die Einrichtung den gewünschten Auslastungsgrad erreicht und es hat sich ein dichtes Netzwerk gebildet. „Allerdings sind wir noch allzu stark im deutschen Raum verwurzelt, was uns fehlt, sind Kontakte nach Italien und auch Südtirol wollen wir stärker einbinden“, so Uhl.

Die künstlerische Seite der Begegnungsstätte

Die lokale Einbindung des Buchnerhofs funktioniert derzeit weniger über die wissenschaftlich-philosophische Seite der Begegnungsstätte, dafür aber umso besser über die künstlerisch-musikalische. Schließlich steht die Einrichtung auch Künstlern offen, es finden Theaterworkshops statt und in einem nahen aufgelassenen Steinbruch hat Uhl zudem eine Freilichtbühne geschaffen, die ihresgleichen sucht. Hier wurde bereits die Zauberflöte (in diesem Sommer) aufgeführt, die Carmina Burana und mit Petersberger Kindern und Jugendlichen Schneewittchen und die sieben Zwerge – nach einem Script von Rainer Uhl. „Musik ist nun einmal eine universale Sprache, Musiker verstehen sich sofort, Begegnung funktioniert hier über alle kulturellen und sprachlichen Grenzen hinweg“, so der ehemalige (und nun wiederentdeckte) Theatermacher. Die Aufführungen stehen im Normalfall allen Interessierten offen, einzige Voraussetzung: Der Weg herauf aus dem Tal (oder herunter von Petersberg) muss zu Fuß zurücklegen, wie übrigens von allen Buchnerhof-Denkwerkstatts-Gästen auch.

Auch Wein lässt sich neu denken

Damit sich der Buchnerhof über kurz oder lang finanziell selbst trägt, hat Uhl rund um die Begegnungsstätte einen Weinberg anlegen lassen. Während sein Gutsverwalter sich um die landwirtschaftlichen Aspekte kümmert, steht der Chef selbst im Keller, um den Blauburgunder fachgerecht auszubauen. Und Uhl wäre wohl nicht Uhl, ginge er nicht auch in der so traditionsverhafteten Welt der Kellermeister neue Wege. Ganz neue. Und die setzen bei den Fässern an, in denen Wein seit Jahrhunderten ausgebaut wird. Weil Wein, der darin reift, für den Reifeprozess Sauerstoff braucht, haben große Fässer den Nachteil, dass Wein sehr lange darin lagern muss. „Es ist nicht der Reifeprozess selbst, der Zeit braucht, sondern der Sauerstoff, der an den Wein gelangen muss“, präzisiert Uhl, jetzt ganz Wissenschaftler. Deshalb hat er das Fass neu erdacht – auch das geht.

Auch das so traditionelle Handwerk des Keller-meisters ist vor Rainer Uhls Innovationsdrang nicht sicher. Sein Ansatz: das Fass im Fass.

Uhls Fässer-Neuentwicklung, an der er mit der Fassbinderei Mittelberger aus Sigmundskron tüftelt, besteht aus einem großen Fass, in dem ein luftgefülltes kleines hängt. So gelangt Luft von allen Seiten an den Wein, der halb so lang braucht um zu reifen. „So muss man nicht zwei Jahrgänge im Keller vorhalten, es reicht einer“, so Uhls Fazit. Und der Pinot Noir vom Buchnerhof kommt auch nicht in klassischen 7/10-Flaschen auf den Markt, sondern als halber Liter: „Das ist die ideale Menge, die man zu zweit trinken kann“, so Uhl, „drei Zehntel für den Mann, zwei für die Frau“.

Fact Sheet

Weitblick in die Zukunft

Rainer Uhl ist vieles, er ist aber vor allem einer, der scheinbar unendlich viele Ideen in verschiedensten Bereichen gebiert. Und so verwundert es auch nicht, dass dem Buchnerhof-Macher die Ideen für die Zukunft seines Hofes Querstrich seiner Begegnungsstätte Querstrich seiner Denkwerkstatt nicht ausgehen:

  • Zum einen will er den nahen Wallfahrtsweg aufwerten, indem er etwa in der Karfreitagsnacht an jeder Station eine Blaskapelle die Pilger hinauf nach Maria Weißenstein begleiten lassen will.
  • Zudem sollen für die Anfahrt zum Hof Mobilitätslösungen entwickelt werden, die dem Geist des Hauses entsprechend zukunftsweisend sind.
  • Darüber hinaus soll künftig ein Generator mit einer Brennstoffzelle den nötigen Strom für den Steinbruch liefern anstatt des derzeit gebrauchten Diesel-Generators.
  • In Zukunft möchte Rainer Uhl außerdem mehr Besucher aus dem italienischsprachigen Raum in die Begegnungsstätte einladen
  • Und nachdem Prof. Uhl die alpenländische Musik liebt – „die echte alpenländische Musik!“ – soll in der Begegnungsstätte am Buchnerhof der Versuch gestartet werden, sie mit moderner Musik zu verbinden – „mit Jazz etwa“, erklärt Uhl auf der Terrasse seines Hofes stehend, tief unter ihm das Südtiroler Unterland.

Weitblick hat – wie gesagt – mehrere Bedeutungen. Hier ganz besonders.