Forschung

26 September 2017IDM

Das etwas andere Forschungsinstitut: Eurac Research und die Berge im Labor

Forschungsinstitute brauchen eine klar definierte DNA. Würde man jene von Eurac Research in Bozen untersuchen, hätte sie wohl keine Spiralform, sondern Gipfel und Zacken, Spitzen und Türme. Schließlich erforscht man hier seit 25 Jahren, wie das Leben in Bergregionen verbessert werden kann: von der Vorbeugung von Naturkatastrophen über Biodiversität und Energieeffizienz bis hin zur alpinen Notfallmedizin.

1992 wurde der Grundstein für Eurac Research gelegt: In Bozen entstand ein Forschungsinstitut, das sich damals noch hauptsächlich mit den Bereichen Sprache und Recht, Minderheiten und Autonomien sowie alpine Umwelt befasste – mit bescheidenen Mitteln und gerade einmal zwölf Mitarbeitern. Heute sind es rund 400, die aus mehr als 30 Staaten nach Bozen gekommen sind, um von der Erfahrung, dem Know-how und den wissenschaftlichen Möglichkeiten bei Eurac Research zu profitieren. Ausgeweitet hat man in diesen 25 Jahren auch das Forschungsgebiet, wobei aber weiterhin die Südtiroler Lebens- und Bergwelt im Mittelpunkt stehen. Die Herausforderungen jedoch, mit denen die Forscher sich befassen, sind globaler Natur – weshalb die Lösungen, die sie in und für Südtirol erarbeiten, auch anderswo auf der Welt Anwendung finden können.

Von Minderheiten bis Mumien: Südtirols Lebenswelt als Grundlage für den Forschungs-Export

„Im internationalen Vergleich sind wir ein kleines Institut“, erklärt Direktor Stephan Ortner. „Es ist deshalb sinnvoll, dass wir uns auf jene Bereiche konzentrieren, die in Südtirol besonders gut erforscht werden können, und wo wir glaubwürdig sind, weil wir schon etwas erreicht haben. Außerdem haben wir bei unserer Arbeit stets den Nutzen für Südtirol im Blick und befassen uns deshalb mit Problemstellungen, die für das Land relevant sind“, so Ortner. Oder anders: Am Bozner Forschungszentrum sind jene Themen zuhause, die Südtirol beschäftigen, weil sie die Natur, Wirtschaft und Gesellschaft des Landes betreffen.

„Wir konzentrieren uns auf Bereiche, die man in Südtirol besonders gut erforschen kann, und in denen wir glaubwürdig sind, weil wir schon etwas erreicht haben.“

Stephan Ortner, Direktor Eurac Research

Die Minderheiten-, Mehrsprachigkeits- und Autonomieforschung etwa ist nirgends besser aufgehoben als in einer Region, die tagtäglich damit Erfahrungen sammelt – und das schon seit fast einem Jahrhundert. „Unsere Erfahrung und unsere Forschungsergebnisse in diesem Bereich sind so nach und nach zu Exportartikeln geworden“, erklärt Direktor Ortner, der gleich ein zweites Beispiel nachschiebt: die Mumienforschung. Mit der Entdeckung der Gletschermumie Ötzi entwickelte Bozen sich zu einem globalen Zentrum für Mumienforscher, und Eurac Research liefert dazu den wissenschaftlichen Unterbau, der heute bei der Konservierung und Erforschung von Mumien weltweit gefragt ist.

Lebensqualität und Vielfalt: Umfassende Schwerpunktbereiche, konkrete Forschungsansätze

Im Lauf der Jahre haben sich so in der Forschungsarbeit von Eurac Research drei große Schwerpunkte herauskristallisiert. Es geht darum, zu einer gesunden Gesellschaft beizutragen, lebenswerte Regionen zu schaffen, und Vielfalt – sozial, kulturell, ökologisch – zu bewahren und zu gestalten.

Das klingt nach sehr weit gefassten Bereichen, behandelt werden aber ganz konkrete Fragestellungen. Im Bereich „lebenswerte Regionen“ etwa geht es um Zukunftsthemen wie Energieeffizienz und die Nutzung erneuerbarer Energiequellen, es geht um die Vorbeugung von und den Schutz vor Naturkatastrophen, es geht um die Erhaltung und Nutzung der alpinen Umwelt, und nicht zuletzt geht es um eine nachhaltige Tourismusentwicklung, die weder Mensch noch Umwelt überfordert. Der Schwerpunkt „Vielfalt als Mehrwert“ wiederum befasst sich mit Minderheitenproblemen, Mehrsprachigkeit und Partizipation, aber auch mit der Biodiversität.

Bei Eurac Research verfolgt man drei große Ziele: zu einer gesunden Gesellschaft beizutragen, lebenswerte Regionen zu schaffen und Vielfalt zu bewahren und zu gestalten.

Gesundheit einmal anders: von Ötzi auf den Everest

Schwerpunkt Nummer drei ist schließlich die Gesundheit, wobei auch hier gilt: Man steht nicht in Konkurrenz zu Pharmagiganten und ihren Forschungsabteilungen, sondern macht sich Südtirols Erfahrungen und Lebenswelt zunutze. So ist etwa das Institut für Alpine Notfallmedizin von Eurac Research weltweit das erste seiner Art. Hier wird an Lösungen gearbeitet, um Unfallopfern oder akut Kranken in unwegsamen und schwer erreichbaren Gebieten effizient helfen zu können. Die Forschungspalette reicht dabei von den Ursachen über eine bessere Diagnostik bis hin zur Therapie.

Im Institut für Biomedizin suchen die Forscher hingegen Antworten auf die Frage, wie genetische Veranlagung, Umfeld und Lebensstil die Entstehung und Entwicklung von Krankheiten beeinflussen. Warum aber ist Südtirol dafür als Forschungsstandort prädestiniert? Ganz einfach: Die Unwegsamkeit und die harten Lebensbedingungen der Bergregion haben dafür gesorgt, dass sich der Zuzug von außen über Jahrhunderte in überschaubaren Grenzen hielt. Die Bevölkerung ist deshalb sehr homogen, zudem haben sich die Umweltbedingungen kaum verändert. Und schließlich kann man auf Archive zurückgreifen, die einen Blick weit, weit in die Vergangenheit zulassen.

„Aus der Datenerhebung im Feld und dem Abgleich mit historischen Daten kann man Fragen nachgehen wie diesen: Wie haben sich Krankheiten über Generationen hinweg entwickelt? Gibt es genetische Ursachen? Wie kann man vorbeugend aktiv werden?“, erklärt Stephan Ortner. In dieses Forschungsfeld spielt zudem die Mumienforschung hinein, in deren Rahmen nicht zuletzt nach historischen Krankheiten und deren Ursachen gesucht wird. „Wir entwickeln wertvolles Know-how in Fragen, die für die Region von Bedeutung sind, und stellen unsere Kompetenzen dann der internationalen Wissenschaftsgemeinde zur Verfügung. Dies macht unsere Besonderheit als Forschungsinstitut aus – gekoppelt mit einem interdisziplinären Ansatz“, erklärt Roberta Bottarin, Vizedirektorin von Eurac Research. Kein Forschungsbereich wird also mit fächerspezifischen Scheuklappen angegangen, alle Bereiche spielen ineinander, tauschen sich aus, befruchten sich.

Homogene Bevölkerung, stabile Umweltbedingungen und ein historischer Datenschatz: Für Gesundheitsforscher bietet Südtirol nahezu paradiesische Voraussetzungen.

UNO, NASA, internationale Energieagentur: Kooperationen auf internationaler Ebene

Apropos Austausch: Eurac Research ist heute in ein globales Forschungsnetzwerk eingebunden, hat Partner in mehr als 50 Ländern auf fünf Kontinenten. Darunter so bekannte wie die Internationale Energieagentur (IEA), mit der wir in zahlreichen Projekten zusammenarbeiten, oder die UNO (etwa in Gestalt des Umweltprogramms UNEP). Und selbst die NASA arbeitet mit Bozen zusammen, und zwar in einem umfassenden Programm zur Erdbeobachtung. Die Arbeitsteilung ist dabei klar: Die NASA erledigt die Arbeit im All, die Forscher von Eurac Research jene am Boden…

Konsequent ausgebaut hat man auch die Arbeit auf EU-Ebene, etwa in Form von rund 100 EU-Forschungsprojekten, an denen Eurac Research beteiligt ist. „Die Beteiligung an EU-Forschungsausschreibungen ist für uns eine Chance, Mittel zu akquirieren, die in Italien auf Staatsebene nur beschränkt vorhanden sind“, erklärt Wolfram Sparber, Leiter des Instituts für Erneuerbare Energie, des größten Instituts von Eurac Research. Zudem sei die Einbindung in EU-Projekte ein zusätzlicher Ansporn und komme dem entgegen, was man bei Eurac Research im Blut habe: der angewandten Forschung. „Wir gehen nach Brüssel mit konkreten Lösungsvorschlägen und in Kooperation mit Unternehmen, um neue Produkte zu entwickeln und innovative Energiesysteme umzusetzen.“

Mit diesem „close-to-the-market“-Ansatz versuche man zudem, eine europäische Schwäche zu lindern. „Europa ist führend, wenn es um die Entwicklung von Ideen geht, fällt aber weit hinter die Konkurrenz zurück, wenn diese Ideen auch umgesetzt werden sollen“, so der Institutsleiter. Deshalb setze man bei Eurac Research stets darauf, Unternehmen eng in die Forschungsprojekte einzubinden, um so einen Zugang zum Markt und einen gesellschaftlichen Mehrwert zu schaffen.

„Europa ist führend, wenn es um die Entwicklung von Ideen geht, fällt aber weit hinter die Konkurrenz zurück, wenn diese Ideen auch umgesetzt werden sollen.“

Wolfram Sparber, Leiter des Instituts für Erneuerbare Energie – Eurac Research

Vom Betteln um Wissenschaftler zur Qual der Wahl

All dies hat Eurac Research in den letzten 25 Jahren nicht nur enorm wachsen lassen, sondern auch dafür gesorgt, dass man international auf die Forschungsarbeit in Bozen aufmerksam wurde. „Vor 20 Jahren haben wir Wissenschaftler noch überreden müssen, zu uns zu kommen, heute melden sich auf jede Stellenausschreibung rund 50 Kandidaten und die Qualität der eingereichten Curricula ist enorm gestiegen“, so Direktor Ortner. Und Wolfram Sparber ergänzt: „Eurac Research ist zu einem Bezugspunkt für Forscher geworden, die im Ausland Erfahrung gesammelt haben und wieder zurück nach Italien wollen.“ Dass sie dabei einen Standort mit hoher Lebensqualität suchen, spielt dem Forschungszentrum in die Karten.

Bei der Auswahl setze man dabei auf Mitarbeiter, die die akademische und die angewandte Seite der Forschung vereinen könnten. „Es geht uns also um Publikationen, aber auch um Industriekooperation und Produktentwicklungen“, resümiert Sparber.

Eurac Research ist also über die Jahre gewachsen, hat sich gemausert und sich auch international einen Namen gemacht. Das liegt an der Arbeit der dort beschäftigten Forscher, es liegt aber auch am klaren Profil. Schließlich hat das Südtiroler Forschungszentrum die Berge im Herzen – und so manches Mal auch im Labor.

Fact Sheet

Eurac Research in Zahlen

1992 wurde Eurac Research ins Leben gerufen. 

In 25 Jahren ist das Forschungsinstitut exponentiell gewachsen und hat ein Forschungsbudget von 45 Millionen Euro.

Eurach beschäftigt 275 Forscher, 90 Angestellte und 26 Phd. Studenten. 
2.800 Wissenschaftliche Paper und 500 Monographien

In den letzten 7 Jahren hat Eurac an mehr als 100 europäischen Projekten teilgenommen

Extreme Environmental Simulator – einzigartig auf der Welt

Eurac wird einer der Protagonisten am NOI Techpark sein. An 5 Labors wird über erneuerbare Energien geforscht, an 4 Labors über archeologische Fundstücke. 

2018 wird die Klimakammer eingeweiht, der jede klimatische Bedingung auf dieser Welt simuliern kann. Von Temperaturschwankungen über Luftfeuchtigkeit bis zum Luftdruck können alle Konditionen nachgeahmt werden: von -40° am Polarkreis bis +60° in der Wüste, Luftfeuchtigkeit von 10% bis 95%, Windgeschwindigkeit bis zu 30 meter pro Sekunde, Regen bis 60 Liter pro Quadratmeter, Luftdruck wie auf 9000 Meter ü.M., Schnefälle von 200 bis 400 kg pro Quadratmeter und Sonnenbestrahlung bis 1000 Lux Stärke.