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24 Oktober 2017IDM

Digitalisierung trifft Jahrhunderte alte Grödner Tradition

Das Dolomiten-Tal Gröden ist bekannt für seine traditionellen Holzschnitzereien, vor allem Krippenfiguren und Heiligenstatuen. Bei 3DW aber wird die Holzschnitzerei neu gedacht: Mithilfe von 3D-Technologie und digitaler Technik werden Produkte aus Holz gefertigt, wie sie die Welt bisher noch nicht gesehen hat.

Tischler, Spielzeughersteller, Wetterhäuschen-Hersteller, Zimmerer, Holzdrechsler, Maschinenschnitzer, Krippenbauer – insgesamt sieben Berufe, habe sein Vater Willi im Laufe seines Lebens ausgeübt und sei dabei aber stets beim Holz geblieben, erzählt Egon Bernardi, einer der Gesellschafter von 3D Wood. „Er hat sich immer an die Bedürfnisse des Marktes und der Zeit angepasst.“

Diese Flexibilität, die Innovationskraft und den Innovationswillen hat Egon Bernardi von seinem Vater übernommen. Stillstand gibt es bei dem Grödner Unternehmer nicht, der neben der Geschäftsführung der auf traditionelle Holzschnitzereien spezialisierten Familienbetrieben Willi Bernardi und Bernardi Wood Art auch Präsident von 3DW ist. Bei letzterem handelt es sich um ein vor gut zehn Jahren gegründetes Gemeinschaftsunternehmen mehrerer Holzschnitzereien, in dem sich alles um die Digitalisierung der Traditionsbranche Holzschnitzerei dreht: Mithilfe von 3D-Technologie verarbeitet das Unternehmen Holz für alle möglichen Sektoren und in allen möglichen Formen – von Holz-Gadgets über Dildos und Bestandteile für Fotoapparate bis hin zu Skulpturen für Künstler von internationalem Rang. Nicht im 3DW-Angebot: Grödner Klassiker wie Krippenfiguren, Heiligenstatuen oder Spielzeug. „Da wo andere Firmen an ihre Grenzen stoßen, da fangen wir erst an“, bringt es Bernardi auf den Punkt.

Fräs-Service für Holz und Kunststoffe sowie Machbarkeitsstudien

Zum Leitungsspektrum von 3DW zählen mittlerweile aber neben dem Fräs-Service für Holz und verschiedene Kunststoffe beispielsweise auch 3D-Scans (dreidimensionale Vermessung samt Digitalisierung), 3D-Modellierung, Prototypenherstellung, Laser-Gravuren oder Machbarkeitsstudien. „Es gibt Leute im Tal, die befürchten, dass die Digitalisierung das Ende der Holzschnitzerei ist, die anderen sehen die Chancen und Möglichkeiten die daraus erwachsen und die neuen Märkte, die sich auftun“, sagt Bernardi. „Aber um für die Zukunft gerüstet zu sein, dürfen wir nicht in der Vergangenheit hängen bleiben. Wir müssen Innovativ sein – und Innovation entsteht nicht durch Maschinen oder Computer, sondern in unseren Köpfen. Wenn die Köpfe träge sind und lieber dem Altbewährten und Erprobten nachgehen, dann ist es aus.“

Die Holzschnitzerei hat in Gröden eine mehr als 400 Jahre alte Tradition und hat mit dazu beigetragen, dass das Südtiroler Gebirgstal weltweite Bekanntheit erlangte und sich zu einer wohlhabenden Gegend entwickelte. Anfangs beschäftigten sich die Bauern in den Wintermonaten mit kleineren Schnitzereien, stellten Gebrauchsgegenstände und Spielzeug her. Im Laufe der Jahre wurde die Arbeit professionalisiert, mit Fokus auf sakrale Motive und Altäre, später dann auch automatisiert. Dazu werden seit Mitte der 1940er Jahre Pantografen eingesetzt, mit denen die Figuren vorgefräst wurden, um anschließend per Hand verfeinert zu werden.

Audi bestellte TT-Miniatur anstatt Grödner „Klassiker“

Vor etwa 20 Jahren schaute sich Egon Bernardi nach neuen Kunden um und schickte den „klassischen“ Katalog des Familienbetriebs an große deutsche Unternehmen – Autohersteller, Mischkonzerne, Banken. Ob sie nicht mal eine Grödner Holzschnitzerei als Präsent an Geschäftspartner oder Mitarbeiter verschenken möchten, fragte er im Begleitschreiben. Das Interesse war gleich Null – fast: Ein Unternehmen meldete sich, es war jedoch nicht an den traditionellen Figuren interessiert, sondern an einer Sonderfertigung. Doch der Auftrag der daraus hervorging war der Startschuss zur Erfolgsgeschichte 3DW.

„Audi hat angefragt, ob wir eine Holzminiatur des Sportwagens TT fertigen könnten. Das neue Modell sollte damals auf dem Genfer Autosalon präsentiert werden und bei dieser Gelegenheit wollte Audi den anwesenden Pressevertretern ein spezielles Geschenk überreichen“, erzählt Bernardi und ergänzt: „Ich hatte zwar keine Vorstellung davon, wie man so etwas umsetzen könnte, habe aber trotzdem sofort zugesagt.“ Er fuhr zum Audi-Sitz nach Ingolstadt, wo er sich – unter strengster Geheimhaltung, da der TT seine große Premiere ja erst noch feiern sollte – die nötigen Infos für die Produktion der Holz-Gadgets besorgte. Bernardi und seinem Team gelang es, die gewünschten 80 Holzminiaturen – noch auf traditionelle Holzschnitz-Weise – pünktlich zu fertigen. „Die kamen dann so gut an, dass Audi nachbestellt hat“, erzählt Bernardi. „Schlussendlich haben wir 2.200 Stück hergestellt und ganze fünf Mitarbeiter waren ein ganzes Jahr lang damit beschäftigt.“

Einige Monate nach dem erfolgreichen Abschluss des Audi-Auftrags meldete sich der Premium-Automobilhersteller Porsche bei Bernardi. „Dieser wollte ebenfalls ein neues Modell als Holzminiatur“, so der Grödner. „Auf mein ‚Können wir machen‘ drückte mir der Verantwortliche eine DVD mit den 3D-Daten des Wagens in die Hand. Ich wusste weder, dass es die 3D-Technologie gab, noch hatten wir im Betrieb die zum Lesen notwendigen Software.“ Die Folge: Der Auftrag ging Bernardi durch die Lappen. „Aus diesem Erlebnis habe ich den Schluss gezogen, dass auch wir Holzschnitzer uns mit der Digitalisierung beschäftigen und sie angehen müssen, weil wir sonst auf der Strecke bleiben“, erinnert sich Bernardi.

3DW arbeitet für Künstler und Industriebetriebe, für Weltkonzerne und kleine Firmen

Das alles geschah zu einer Zeit, in der die Branche im Tal sich in einem starken Umbruch befand: Die Nachfrage nach den „klassischen“ Holzschnitzereien ging zurück, manche Betriebe verkleinerten sich, andere schlossen ihre Tore ganz. Bernardi aber schaute nach vorne – und überzeugte auch andere Unternehmer vom Potenzial der Digitalisierung. Mit einigen gründete er schließlich 3D Wood. Schon bald erkannten die Verantwortlichen, dass auch Dienstleistungen jenseits von Holz interessant und für das Unternehmen mach- und umsetzbar sind, deshalb wurde der Firmenname in 3DW geändert.

„Mittlerweile erhalten wir Files aus aller Welt und arbeiten problemlos damit“, sagt Bernardi. Das Unternehmen arbeitet für Architekten und Künstler, für Industriebetriebe und Innenausstatter, für Weltkonzerne und kleine Firmen. Es produziert Einzelstücke und fertigt Serien, es stellt kleine Gegenstände her, aber ebenso auch meterhohe. Alle Auftraggeber und Produkte, die 3DW fertigt, darf er nicht nennen, immer wieder bestehen Unternehmen auf Geheimhaltungsklauseln.

„Für zahlreiche Auftraggeber sind wir nichts anderes als Problemlöser“, schmunzelt Bernardi und führt aus: „Wer zu uns kommt, hat meist schon viel versucht und sich viel umgeschaut, ist aber zu keinem zufriedenstellenden Ergebnis gekommen. Wir aber finden eine Lösung – zu 99 Prozent.“

Auftrag für Holz-Smartphone von Huawei sprengte Möglichkeiten

Abgelehnt werden Aufträge nur, wenn die Natur, das Material – also die Charakteristiken des Holzes (26 verschiedene Holzarten hat 3DW derzeit auf Lager, binnen kürzester Zeit können aber bis zu 2.000 Holzarten bestellt und verarbeitet werden) – Grenzen vorgibt. Einmal musste 3DW allerdings auch einen Auftrag ablehnen, weil die Kapazitäten nicht gegeben waren: Der chinesische Konzern Huawei wollte das erste Holz-Smartphone auf den Markt bringen; 3DW fand eine Lösung, die Hülle herzustellen. „Es war den Verantwortlichen bei Huawei sogar egal, dass das Model nicht so dünn gewesen wäre, wie es heute Standard ist“, erinnert sich Bernardi. „Doch die 260.000 Stück monatlich, die Huawei von den Smartphones produzieren wollte, haben unsere Produktionskapazitäten bei weitem gesprengt.“

Bei 3DW wird viel ausprobiert – im Auftrag der Kunden, aber auch aus eigenem Interesse. „Manchmal scheitern wir grandios, aber das ist völlig in Ordnung“, sagt Bernardi. „Denn der Innovative probiert, wenn es funktioniert: gut, wenn es nicht funktioniert: auch gut. Weil wir auch daraus lernen, weil wir dann wissen, dass dieser Ansatz nicht umgesetzt werden kann. Bei 3DW handeln wir nach dem Motto: Nicht hoffen, tun!“

Heute könne 3DW deshalb Leistungen anbieten, die weltweit kein anderes Unternehmen im Portefeuille hat. „Eine Welt, die so neu und verschieden von allgemein Bekanntem ist, dass mancher Interessent, mancher Kunde überrascht ist und die Möglichkeiten erst ‚verdauen‘ muss“, schmunzelt Bernardi, der zugleich aber auch betont, dass 3DW letztlich nichts anderes als ein Werkzeug ist. „Eines, das der Ausführende – wie jedes andere Werkzeug auch – verwenden kann – oder auch nicht. Nur dieses Werkzeug – ohne Kopf und ohne Hände – wäre nichts; doch durch den richtigen Einsatz des Werkzeugs kann das Ergebnis ein besseres werden.“

„Bei 3DW gibt es viele Köpfe, die zusammenarbeiten und ihr Wissen und ihre Erfahrungen einbringen“

Doch warum ist 3DW mit seiner Dienstleistung alleine? Warum wird das Modell, das offenbar erfolgreich ist, nicht von anderen im Tal oder von außerhalb kopiert? Bernardi sieht dafür mehrere Gründe. „3DW wurde von mehreren Unternehmern gegründet, das bedeutet nicht nur eine gewisse finanzielle Stärke um Anschaffungen zu stemmen, sondern vor allem auch viele Köpfe, die zusammenarbeiten und ihr Wissen und ihre Erfahrungen einbringen“, so der 3DW-Präsident. Zum anderen sei es der Faktor Zeit: „Wir haben in den vergangenen zehn Jahren viele Fehler gemacht, viel gelernt und viel Kompetenz gesammelt – diesen Vorsprung müssten andere erst einholen. Denn Wissen ist gut, aber Erfahrung ist 1.000-mal besser.“

Mit seinem Konzept, mit dem Setzen auf das Besondere und auf innovative Arbeitsweisen mit einem traditionellen Material („Holz ist nach Stein das Material, das der Mensch am längsten verarbeitet“, weiß Bernardi), ist 3DW erfolgreich. Aber weshalb gerade mit Holz? „In den vergangenen Jahrzehnten war Plastik lange Zeit das gefragteste Material, doch inzwischen haben die Menschen genug davon. Das sorgt für ein Comeback des Holzes, weil es eine ‚Ur-Materie‘ ist, weil es Natur ist, weil es gut riecht, weil es angenehm anzugreifen ist, weil es nachhaltig ist und der Mensch umweltbewusster geworden ist“, ist Bernardi überzeugt.

Täglich gehen, erzählt Bernardi, bei 3DW im Schnitt 4,5 Anfragen ein – manche äußerst anspruchsvoll und kompliziert. „Aber der Ehrgeiz des Teams, Lösungen zu finden, bringt uns weiter. Und so werden aus zwei Drittel der Anfragen Bestellungen“, sagt der 3DW-Präsident nicht ohne Stolz und ergänzt: „Wir sind an diesem schönen Punkt, wo wir jeden Tag erleben und gespannt sein dürfen, was die Welt sich von uns erwartet.“ 

Fact Sheet

-        3DW wurde im Jahre 2006 gegründet.

-        Die Firma verzeichnet in 11 Jahren ein Mitarbeiterzuwachs von 450 Prozent.

-        Der Export erfolgt direkt oder indirekt nach allen Kontinenten der Welt.

-        Pro Jahr erhält die 3DW ca. 1000 Anfragen (4,5 Anfragen pro Arbeitstag), von denen werden zirka zwei Drittel zu konkreten Aufträgen.

-        Zurzeit beliefert die Firma ca. 350 Kunden weltweit.