Unternehmen

29 August 2017Christian Rainer

In guten Händen: Handschuhspezialist Reusch sitzt nun in Südtirol

Nichts ist lästiger, als beim Skifahren kalte Finger zu haben. Und nichts ist für einen Tormann peinlicher, als ein Ball, der ihm durch die Finger rutscht. Was haben beide Situationen gemeinsam? Die Lösung heißt Reusch. Der Handschuhspezialist mit deutschen Wurzeln sitzt seit Anfang Juni in Bozen.

Hand aufs Herz: Können Sie etwas mit Primaloft, TecFill, R-TEX XT oder Gore-Tex anfangen? Nein? Wir auch nicht, wir wissen aber spätestens nach einem Besuch bei der Reusch International AG in Bozen, dass daraus Handschuhe hergestellt werden, die unsere Hände im Winter warm halten – egal, ob es nun schneit oder das Quecksilber sich so weit unten im Thermometer versteckt, dass wir es dort suchen müssen.

80 Jahre Erfahrung

Seit über 80 Jahren stellt Reusch Handschuhe her, in den Anfangsjahren im baden-württembergischen Reutlingen, über die Jahre dann immer internationaler. Dank der in diesen Jahrzehnten gesammelten Erfahrung, des Know-hows und der Spezialisierung auf die Nische gehört das Unternehmen heute zu den führenden Produzenten von Ski-, Snowboard-, Langlauf- und Mountaineering-Handschuhen im Winter sowie Torwarthandschuhen im Sommer. Wie aber behauptet man sich als kleiner Spezialist unter großen Allroundern? Das Rezept klingt einfach: „Jeder einzelne Mitarbeiter von Reusch kümmert sich rund um die Uhr um Handschuhe“, erklärt der CEO von Reusch International, Erich Weitzmann. „Zudem haben wir hier acht Leute, die nur mit der Entwicklung unserer Handschuhe befasst sind, bei den Mitbewerbern sind es wesentlich weniger, weil der Handschuhbereich nur als kleiner Umsatzbringer gesehen wird“. Diese Argumente, betont Weitzmann, gelten allerdings vor allem für den Winter, während man sich im Sommer mit den Giganten zu messen habe – Nike, Adidas und Puma vorneweg.

„Wir sind Spezialisten, für viele Mitbewerber ist der Handschuh-Bereich nur ein kleiner Umsatzbringer.“

Erich Weitzmann ist auch einer der Gründe, warum Reusch International seinen Sitz nach Bozen verlegt hat – und zwar in mehrfacher Ausprägung. Erich Weitzmann sen., der Großvater des heutigen Reusch-CEO, hat in den 1950er-Jahren in Bozen ein Handelsunternehmen aus der Taufe gehoben, das – von Stefan Weitzmann, dem Sohn des Gründers weitergeführt – seit Anfang der 1990er Vertriebspartner von Reusch in Italien war. Reusch gerät damals in Turbulenzen, die Marke wird zunächst an eine britische Holding verkauft, die Weitzmann AG als Vertriebspartner ausgebootet und kurz danach wieder an Bord geholt. Hü und hott also in schwierigen Zeiten. 2001 folgt ein weiterer Tiefschlag: Reusch soll abermals verkauft werden, um allerdings einen Ausverkauf der Marke zu verhindern, steigt eine Gruppe von ehemaligen Vertriebspartnern ein, Weitzmann selbst zunächst mit 20 Prozent. Dieser Anteil wächst Schritt für Schritt, seit September 2016 ist die Familie Weitzmann hundertprozentiger Anteilseigner von Reusch International.

Die Entscheidung des Bozners für Bozen

Und da kommt nun auch Erich Weitzmann jun. ins Spiel. Selbst schon seit Jahren im Familienunternehmen aktiv, trifft er eine auf den ersten Blick riskante Entscheidung: nachdem 2009 bereits die Produktentwicklung nach Bozen verlegt worden war, folgt der gesamte Firmensitz der Reusch International AG. Seit Juni 2017 ist Reusch also ein Südtiroler Unternehmen mit deutschen Wurzeln. Nach den Gründen für die Übersiedelung gefragt, nennt er als ersten Grund den persönlichen Bezug und die Erreichbarkeit. Er selbst ist in Bozen aufgewachsen, kennt Stadt und Land also in- und auswendig. Und er weiß: Bozen liegt zentral in den Alpen, von hier aus sind München, Salzburg, Mailand oder die Schweiz gleichermaßen in kurzer Zeit erreichbar, der ganze Alpenbogen kann problemlos abgedeckt werden.

Mit den Bergen in der DNA ist Reusch in Südtirol gut aufgehoben.

Zudem ist ein Unternehmen wie Reusch, das die Berge in der DNA trägt, hier im Herzen der Alpen gut aufgehoben. „Unsere Mitarbeiter sind in ihrer Freizeit ständig draußen, sie können unsere Produkte leben“, sagt der CEO. Und: „Hier gibt es motivierte junge Menschen, eine gesunde Basis von Leuten, die sich mit unseren Produkten identifizieren.“ So hat man bei Reusch ein junges, internationales Team aufgebaut, das von Bozen aus die gesamten Umsätze von Reusch International steuert, also auch die Außenstellen des Unternehmens in Mailand und Reutlingen. Dort werden Lager aufrechterhalten, von dort aus werden die Kunden betreut. Und so kommt man auf 55 Mitarbeiter (davon rund 20 in Bozen) sowie weitere rund 50 Verkäufer, die für Reusch tätig sind.

Jedes Detail im Blick

Die können vor allem auf die Qualität verweisen, die man beim Handschuh-Spezialisten groß schreibt. „Als Spezialisten können wir uns um jedes Detail kümmern, können darauf achten, dass jede Passform sitzt“, erklärt Weitzmann. Zudem steckt man viel Zeit und Engagement in die Produktentwicklung. Die Kollektion etwa, deren Entwicklung im Herbst dieses Jahres startet, kommt im Herbst 2019 in die Läden. Dazwischen liegen Ideen, Entwicklung und Design, Prototypen, Materialtests und Verbesserungen, Zertifizierung des Produkts, Produktion und die Präsentation beim Händler. Vorauszudenken ist demnach Teil des Geschäfts. Lange voraus. Die große Herausforderung sei, so der CEO, die Produktionslinien in Fernost ständig am Laufen zu halten und zudem darauf zu achten, dass alle Qualitätsparameter eingehalten werden. Denn davon lebt Reusch…

Zusammenarbeit mit dem Spitzensport

…davon und von der Sichtbarkeit im Spitzensport. Die Zusammenarbeit mit Topsportlern ist das zentrale Marketinginstrument des Handschuh-Spezialisten, nahezu alles, was im Wintersport Rang und Namen hat, trägt Reusch. So arbeitet man seit Jahren mit den Skiverbänden aus Österreich, der Schweiz, Norwegen, Frankreich, den USA, Slowenien und Liechtenstein zusammen. Und große Namen wie Henrik Kristoffersen und Mikaela Shiffrin, Marcel Hirscher und Lindsey Vonn, Lara Gut, Alexis Pinturault und Anna Veith setzen ebenfalls auf Reusch. Der enge Draht zum Spitzensport hat, wie Weitzmann sagt, Reusch auch schon über schwere Jahre hinweggeholfen. „2006 beispielsweise war ein katastrophaler Winter, die Medien haben daraufhin schon spekuliert, ob es denn nie wieder einen Winter geben werde“, erinnert sich der Bozner. In dieser Phase habe man sich an werbewirksamen Figuren wie Hermann Maier, Stephan Eberharter oder Benjamin Raich wieder hochgezogen und aufgerappelt. Und die Welt habe sich schließlich auch nach dem ausgefallenen Winter 2006 weitergedreht, der Winter ist bis heute nicht verschwunden.

Ob Henrik Kristoffersen, Mikaela Shiffrin, Marcel Hirscher, Lindsey Vonn, Lara Gut, Alexis Pinturault oder Anna Veith: große Namen tragen Reusch.

Noch einen Vorteil der Kooperation mit den großen Sportlern nennt Weitzmann: „Ich weiß, es klingt wie eine Floskel, aber durch die Zusammenarbeit mit den Spitzensportlern werden unsere Produkte besser.“ Immer wieder kämen Inputs von den Sportlern: Warum macht Ihr nicht das? Warum probiert Ihr nicht jenes? Wie könnte man dieses oder jenes Problem lösen? „Viele dieser Inputs verlaufen zwar im Sande, immer wieder führt einer aber zu einer guten Idee“, so der Reusch-CEO. Oder zu einem Revival wie jenem des Fäustlings. Das hängt auch mit dem amerikanischen Skistar Bode Miller zusammen. „Als wir Bode zum ersten Mal gesehen haben, trug er einen uralten Reusch-Fäustling, ein Modell, das es schon längst nicht mehr gab“, erzählt Weitzmann. Daraufhin habe man dem damals jungen, aufstrebenden Miller neue Handschuhe angeboten, von denen dieser aber nichts wissen wollte: „Er wollte partout einen Fäustling, obwohl damals im Rennsport niemand Fäustlinge getragen hat“, so der Reusch-Chef. Man habe daraufhin neue Fäustlinge gefertigt, Miller sei zufrieden gewesen und etliche Rennläufer seien seinem Beispiel gefolgt.

Hart umkämpfter Fußball

Im Fußball, gibt Weitzmann zu, sei Reusch nicht ganz so präsent wie im Skisport. Und doch: in der italienischen Serie A tragen acht bis neun Stammkeeper pro Saison Reusch-Handschuhe. Und die Champions League hat man – dank der beiden Brasilianer in Mailänder Diensten, Dida (Milan) und Julio Cesar (Inter) – in den letzten 15 Jahren auch drei Mal gewonnen. Natürlich sei die Konkurrenz auf dem Fußballplatz härter als auf der Piste, trotzdem habe der Fußballmarkt auch Vorteile: „Fußball ist ein Ganzjahres- und Weltsport, wir verkaufen unsere Handschuhe also auch nach Südamerika“, so Weitzmann.

Je größer die Kluft zwischen Sommer und Winter, desto besser das Geschäft.

So kommt man auf einen Umsatzanteil der Torwarthandschuhe von rund 40 Prozent. „Ich mag es aber“, grinst der CEO, „wenn dieser Anteil wesentlich kleiner ausfällt“. Die Erklärung dafür ist einfach: Während das Sommergeschäft weitgehend stabil sei, fluktuiere das Wintergeschäft enorm. „Wenn also der Umsatzanteil des Wintergeschäfts sehr hoch ist, haben wir ein gutes Jahr gehabt“, erklärt Weitzmann.

Auf die Frage, wohin die Reise im Handschuh-Bereich gehe, gibt sich der Reusch-Chef bedeckt. Sicher, es werde neue Materialien geben, auch kämen immer neue Ideen auf den Markt (etwa der beim Ausziehen selbstschließende Handschuh für Bergsteiger oder Freerider), aber letztendlich gehe es um die Verbesserung dessen, was man bereits hat. „Wir wollen unsere Spezialisierung noch weiter treiben“, so Weitzmann. So tüftle Reusch derzeit an einem ultraleichten Torwarthandschuh und im Skirennsport gehe der Trend hin zu immer mehr Schutz bei immer größerer Flexibilität.

Die grundlegenden Herausforderungen, das halten wir hier als Nicht-Handschuh-Spezialisten fest, scheinen also dieselben zu bleiben: auf dass dem Skifahrer die Finger nicht klamm werden und dem Torwart der Ball nicht durch die Finger rutscht.

Fact Sheet

Reusch in Zahlen

0,4                   Prozent (nicht einmal) beträgt die Defektquote bei Reusch. „Der Verkäufer ist beruhigt, weil er weiß, dass dieser Handschuh nicht zurückkommt“, sagt Erich Weitzmann.

2                      Jahre vergehen zwischen der Idee zu einem neuen Handschuh und dem Zeitpunkt, zu dem er im Geschäft ausliegt.

55                    Mitarbeiter beschäftigt Reusch, dazu kommen weitere rund 50 im Verkauf

60                    ist die Zahl der Länder weltweit, in denen Reusch-Produkte vertrieben werden.

60                    Prozent des Umsatzes steuert das Wintersportgeschäft zum Jahresumsatz bei, die restlichen 40 Prozent kommen aus dem Verkauf von Torwarthandschuhen.

1934                wird Reusch im baden-württembergischen Metzingen gegründet, übersiedelt danach nach Reutlingen.

2017                wird Reusch ein Südtiroler Betrieb. Seit Juni dieses Jahres sitzt die Reusch International AG in Bozen.