Food

24 August 2017Ben Krischke

Ein Gewürztraminer auf Reisen

Die Digitalisierung galoppiert voran und ist gerade dabei dank Online-Shopping auch den Lebensmittelhandel neu zu erfinden. In Südtirol haben einige Produzenten und Händler aus dem Qualitätsbereich die Zeichen der Zeit erkannt – und schicken schon heute Gewürztraminer auf Reisen. Doch das ist erst der Anfang.

Von einem Paukenschlag zu sprechen, wäre noch untertrieben: Vielmehr ging Mitte Juni ein gewaltiger Ruck durch die US-amerikanische Lebensmittelindustrie. Denn Versandriese Amazon verkündete die Übernahme der Bio-Supermarkt-Kette Whole Foods für stolze 13,7 Milliarden Dollar – und könnte damit maßgeblich zu einer echten Revolution beitragen: Der Digitalisierung des Lebensmittelhandels, auch mit hochwertigen Produkten. Aber was bedeuten solche Entwicklungen für Südtirol?

Reichlich Potential in Italien

Klar ist, die digitale Revolution schreitet unaufhörlich voran und erfasst nach und nach nahezu alle Lebensbereiche, aktuell eben auch den Lebensmittelhandel. Damit gehen natürlich Fragen einher: Haben die klassischen Supermärkte bald ausgedient, weil wir unsere Lebensmittel kurz-, mittel- oder langfristig nur noch online bestellen? Macht die Digitalisierung mit den Supermärkten das, was die einst mit den Dorfläden anrichteten? Wie sieht der Lebensmitteleinkauf der Zukunft genau aus? Und wie ist der Status Quo in der Sache in Südtirol?

Einer, der mindestens um den Status Quo kennt, ist Ben Schneider. Der Coordinator Ecosystem Food beim IDM ist aktuell schon für rund 450 Lebensmittel-Startups zuständig, kleine wie mittelständische Unternehmen, die im Innovationsland Südtirol Fuß fassen wollen. Und das, obwohl Online-Shopping in Südtirol insgesamt erst am Anfang steht: „Die Italiener, und so auch Südtiroler, sind bisher keine großen Online-Shopper”, wie Schneider sagt. Das zeige sich etwa darin, dass Versandriesen wie Zalando oder Amazon in Deutschland weit erfolgreicher seien als in Italien. Die Zahlen geben ihm recht: Schon im Jahr 2012 setzte der deutsche Online-Handel über 20 Milliarden Euro um, da waren es in Italien noch keine fünf Millionen Euro Umsatz. Für das Jahr 2017 rechnet der deutsche Online-Handel mit einem Gesamtumsatz von rund 73 Milliarden Euro, in Italien sind aktuell gerade einmal 10 Milliarden Euro veranschlagt.

Italien und Südtirol als Onlineshopping-Entwicklungsgebiet also. Heißt auch: In Südtirol steckt offenbar reichlich Onlineshopping-Potential, das aktuell – wenn überhaupt – erst mit kleinen Kellen ausgeschöpft wird. Auch in Sachen Lebensmittel – und gerade angesichts der vielen Südtiroler Delikatessen.

Der Gewürztraminer auf Reisen

Ein Unternehmen, das das Südtiroler Potential in der Sache bereits erkannt hat, ist „looptown“. Bei der Plattform sind aktuell über 33.000 regionale Händler gelistet und bereits heute schicken die Gewürztraminer vom Traminer Weinhaus, Fruchtaufstriche vom Bühler Hof und Südtiroler Speck von der Metzgerei Rinner auf Reisen – über die Landesgrenzen hinweg, in bis zu 25 Länder. Delikatessen für jene, die die Südtiroler Qualität nicht missen möchten, auch, wenn sie nicht oder nicht mehr in Südtirol leben.

Gerade bei solchen Traditionsunternehmen von Rang und Namen, freut man sich einerseits über den Service, andererseits über etwas Hilfe bei den ersten Schritten im digitalen Lebensmittelhandel: “Bei vielen kleinen Bauern oder Händlern fehlt einfach das Know-How oder die Kapazität, sich um die Pflege eines Onlineshops zu kümmern, selbst wenn dieser zur Verfügung gestellt wird,” erklärt Johannes Troger, CEO von looptec. „Looptown“, das looptec vor fünf Jahren an den Start brachte, hilft bei beidem: Know-How und Kapazität.


Das Produkt und die Menschen dahinter

Die Käsemanufaktur Eggemoa hat ihren Sitz im Mühlwaldertal auf 1.3000 Meter Meereshöhe. Hier fertigt Michael Steiner, Jungkäser und Käsesommelier, seit drei Jahren innovative Weichkäsekreationen aus Rohmilch. Die Manufaktur Pastalpina wiederum hat sich der Verarbeitung alter Getreidesorten wie Emmer, Buchweizen oder Einkorn zu Pasta verschrieben. Und wer sich nach Südtiroler Fleisch sehnt, das mit feinsten Alpenkräutern auf Buchenholzspäne geräuchert wurde, wird beim Familienbetrieb Schmid Speck fündig. Um an solcherlei Köstlichkeiten zu kommen, gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder man setzt sich ins Auto und sucht die Genussexperten persönlich auf – oder man geht auf die Internetseite von „pursuedtirol“, die einen etwas anderen Ansatz als looptown verfolgen.

Die geschäfsführenden Gesellschafter Uli Wallnöfer und Günther Hölzl samt Team haben es sich nämlich zur Aufgabe gemacht, nur beste Südtiroler Qualitätsprodukte zu vermitteln. Dazu arbeiten sie mit ausgewählten Südtiroler Bauern, Obst verarbeitenden Betrieben, Kellereien, freien Winzern, Destillerien und anderen Betrieben zusammen, die auf pursuedtirol.com eine kuratierte Auswahl an feinsten Produkten anbieten, inklusive Suchfunktion nach Produkten und Region sowie kurze Informationen zum Betrieb selbst. So kann der Nutzer nicht nur Südtiroler Delikatessen bestellen, sondern weiß auch ganz genau, wo diese hergestellt werden – und welche Menschen dahinter stecken.

Neue Produkte für die Online-Kundschaft

Vermittlung ist das eine, seinen Lebensmittelhandel selbst ins 21. Jahrhundert zu führen, ist das andere. Auch hier gibt es schon heute einige Südtiroler Produzenten, die auch im eigenen Sinne Pionierarbeit leisten: Erich Larcher etwa, Südtiroler Imker seit fast 30 Jahren, vertreibt über larcher-honigprodukte.it nicht nur seinen Honig sondern auch ein 15-teiliges Honig-Kosmetik-Sortiment, vom Lippen-Balsam bis zur Zahnpasta. Er liefert seine Produkte nach Italien, Deutschland und Österreich – und erreicht somit eine weitaus größere Kundschaft als nur die der Südtiroler Region.

Oder die Meraner Fleisch- und Wurstwaren-Firma Galloni, die mittlerweile sogar Produkte samt Packaging anbieten, die auf den Online-Handel zugeschnitten sind. Bio-Kräuterwurzn in kleinen 100-Gramm-Einheiten und in drei Geschmacksrichtungen zum Beispiel. “Der Trend geht zur gesünderen Ernährung und die Menschen wollen online nicht die großen Mengen kaufen, dafür aber hochwertige Produkte”, sagt Andreas Matscher von Galloni. Seine Bio-Kräuterwurzn vertreibt Galloni bereits über verschiedene Online-Shops und auf Amazon.

Die Zukunft des Lebensmittelhandels

Für Ben Schneider vom IDM haben diese und andere Firmen die Zeichen der Zeit erkannt. “Unternehmen müssen sich Gedanken machen, wer denn die Zielgruppe ist, die online ihre Produkte kauft und was die erwartet“, sagt er. Und weiter: „Da geht es eben nicht nur um das Produkt an sich, sondern natürlich auch ums Packaging und Logistik. Wie kann ich das Produkt am besten versenden?”.

Klar ist: Auch wenn der große Online-Shopping-Boom in Südtirol noch nicht eingesetzt hat, haben einige Produzenten bereits erkannt, dass sich etwas tut und dass auch dies nur eine Frage der Zeit ist. Die Quintessenz des Ganzen: Ein zweites, digitales Standbein aufzubauen, das macht offensichtlich auch heute schon Sinn – vor allem an einem innovativen Standort wie Südtirol.

Fact Sheet

Vorgestellte Unternehmen

Looptown.com wurde 2012 von der Looptec New Media gegründet und ist die größte Unternehmensplattform in Südtirol. Ziel ist es, die Online-Reichweite von lokalen Unternehmen und ihren Produkte zu erhöhen und ihnen die Möglichkeit des Online-Vertriebs zu bieten. Die Community kann sich außerdem auf der Plattform zu ihren Erfahrungen mit Unternehmen austauschen und diese bewerten.

Pursuedtirol.com wurde von den beiden Sommeliers Günther Hölzl und Ulrich Wallnöfer gegründet. Ihre Leidenschaft für Wein und hochwertige Naturprodukte brachte die beiden zusammen. Auf ihrer Plattform bieten sie ausgewählte Südtiroler Qualitätsprodukte an. In Frage kommen hierfür nur hausgemachte Traditions-Produkte, die sich durch kleine Produktionsmengen mit hoher Qualität von industrieller Massenproduktion differenzieren.

Galloni ist seit über 50 Jahren eine Institution in der Wurst- und Fleisch-Produktion in Südtirol. Gegründet wurde das Unternehmen 1966 in Meran. 1991 übernahmen die Brüder Andreas und Thomas den Betrieb von ihrem Vater und verbinden seit dem bewährte Tradition mit modernster Fertigungstechnik. Alle Produkte werden mit natürlichen Zutaten in Bio-Qualität hergestellt und unterliegen strikten Qualitäts-Kontrollen.

Online Shopping in der EU

Online Shopping wird in der EU immer beliebter. Inzwischen geben 55% aller befragten EU-Bürger an, im Netz eingekauft zu haben. Hierbei gibt es jedoch zum Teil große Unterschiede je nach Land. Während in Deutschland mit 74% überdurchschnittliche viele zum einkaufen ins Netz gehen, geben lediglich 29% der Italiener an, die letzten 12 Monate den virtuellen Warenkorb befüllt zu haben. Spitzenreiter ist übrigens (noch) das Vereinigte Königreich mit 87%. 

Bekleidung und Sportartikel dominieren

Die meisten der Befragten gaben an, Kleidung oder Sportartikel online gekauft zu haben (61%). Damit liegt  diese Kategorie weit vor "Reisen und Uralub" (52%) und Haushaltsartikel (44%). Bei den Online-Lebensmitteln sind es lediglich 23% der Befragten die schon ein mal den Supermarkt im Internet besucht haben. Hier zeigt sich das enorme Potenzial das noch in diesem Markt schlummert.

Internationaler Handel wächst

Bereits 32% der Befragten gaben an, schon ein mal etwas aus einem anderen EU-Land online bestellt zu haben. Das Wachstum zeigt, dass der internationale Warenverkehr in der EU stetig attraktiver wird und kann ein Indikatior für einen gut funktionierenenden Markt sein. 

 

 

Quelle: http://ec.europa.eu/eurostat/statistics-explained/index.php/E-commerce_statistics_for_individuals